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Kommentar

Friede, Freude, Geburtsurkunde

Kaum ist die Geburtsurkunde seines Großvaters an den Faschisten von der anderen Seite des Teichs überreicht, sind die ach so fernen Zeiten vergessen, in denen auch Friedrich noch infrage stellte, ob die transatlantische Vereinigung noch lange halten könne.

Nach der Wahl im Februar hatte Merz noch infrage gestellt, ob man im Juli beim nächsten Treffen überhaupt noch von der NATO „in dieser Form“ werde sprechen können. Die Panik setzte ein in der deutschen Presse- und Parteienlandschaft. Die Große Aufregung darüber, jetzt plötzlich ganz viel für die Aufrüstung machen zu müssen. Es folgten ein überbieten ohne Gleichen, wie viel Prozent des BIP jetzt in die Rüstung gesteckt werden müsse. Und plötzlich waren alle sehr einig darüber, dass man noch schnell mit den alten Mehrheiten im Bundestag die Schuldenbremse für Kriegsmaterial aussetzen müsse. Nicht verfassungswidrig natürlich – wenn auch vielleicht nicht ganz nach den Idealen der Demokratie.

Doch von dem vermeintlichen Bruch zwischen Europa und Washington scheint plötzlich nichts mehr zu spüren zu sein, stattdessen witzelten Merz und Trump über Bad-Dürkheim – die Heimat von Trumps Großvater. Abseits der inszenierten Menschlichkeit vermeldete die CDU dann sogar stolz den Handshake in Washington:

Das transatlantische Bündnis lebt!

Vergessen ist der historische vermeintliche Streit vom Frühjahr. Warum war also diese ganze Aufrüstungshysterie nötig, die seit Wochen die deutsche Öffentlichkeit in ihre Zange nimmt? Woher kam plötzlich die Überzeugung, das „wir mehr machen müssen„? Was ist geblieben von der Erkenntnis, das Trump „unberechenbar“ ist?

Tatsächlich ist sich das Bündnis heute so einig wie es sich immer war – selbst in den vermeintlich schwersten Minuten, als man schon die Atlantikbrücke wanken sah. Europa soll aufrüsten, damit sich die USA China widmen kann. Diese Aufrüstung kann hier nur durchgesetzt werden, wenn man nachdem guten alten Rezept der Schocktherapie einen Moment der Panik erzeugt, in der die sonst hoch gehaltenen demokratischen Werte kurz vergessen können.

Heute ist das alles durchgesetzt und in trockenen Tüchern: Deutschland und andere EU-Staaten befinden sich fest auf dem Kurs zu 5 % Kriegsausgaben und auch die Rekrutierung nimmt Fahrt auf, mit 60.000 neuen Soldat:innen als jüngstes Ziel.

Den großen, lauten Bruch mit den bösen Amis brauch es da vielleicht dann aus Sicht von Merz doch nicht mehr.

Zwischen Isolation und Krise – Was der erste Lockdown mit uns machte

Der Lockdown brachte Deutschland zum Stillstand. Schulen, Kitas, Restaurants und Clubs wurden geschlossen. Unternehmen verlagerten ihre Arbeit ins Homeoffice – wo es möglich war. Andere schickten ihre Angestellten in Kurzarbeit. Im privaten Leben galten strenge Kontaktbeschränkungen: Maximal zwei Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich treffen, maximal fünf insgesamt in der Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der Hygieneanweisungen plötzlich allgegenwärtig wurden – Abstand halten, Masken tragen, Hände waschen.

Shutdown der Gesellschaft

Die Maßnahmen wurden damit begründet, die Infektionsketten zu unterbrechen und das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Doch es war eine drastische Entscheidung: Während einige Industriezweige weiterliefen und Konzerne weiter Profite machten, wurde das soziale Leben nahezu komplett stillgelegt. Die Regierung argumentierte mit dem „Worst-Case-Szenario“ – einem Strategiepapier des Innenministeriums zufolge sollte die Angst vor dem schlimmsten Verlauf der Pandemie die Menschen zur Einhaltung der Maßnahmen bringen.

Mit dem ersten Lockdown kamen auch rechtliche Änderungen. Die Reform des Infektionsschutzgesetzes im März 2020 gab der Regierung weitreichende Befugnisse, um Schutzmaßnahmen ohne Zustimmung des Bundestags zu verlängern. Gleichzeitig wurde die Maskenpflicht eingeführt. Anfangs war fast alles erlaubt: Selbstgenähte Stoffmasken, Schals, Halstücher – obwohl schon damals einigen klar waren dass diese Improvisiert Masken kaum halfen. Erst später setzte sich die medizinische Maske als Standard durch.

Alltag im Lockdown – ein digitales Chaos

Der Wecker klingelte. Ich stand auf, setzte mich an den Schreibtisch und klappte meinen Laptop auf. Eigentlich hätte ich jetzt Mathe, aber ob der Lehrer heute den Zoom-Call starten konnte? Unklar.

So oder so ähnlich sah ein Lockdown-Alltag für viele aus. Seit dem 13. März waren Schulen und Kitas geschlossen, Universitäten zogen kurz darauf nach. Was folgte, war ein chaotisches Experiment: Homeschooling ohne Konzept, Unterrichtsausfälle wegen technischer Probleme, überforderte Lehrkräfte und eine Spaltung zwischen denen, die zu Hause ein ruhiges Arbeitsumfeld hatten, und denen, die sich mit Geschwistern oder instabilen Internetverbindungen abmühten. Die Bildungspolitik war von der Pandemie überrumpelt worden – den Preis zahlte eine ganze Generation Schüler:innen und Studierende. Es zeigten sich die Versäumnisse der vergangen Jahrzehnte.

Besonders für Abschlussjahrgänge war diese Zeit eine Zerreißprobe. Während der Lockdown den Unterricht lahmlegte, hielten die Kultusminister an den Abiturprüfungen fest. Schülerinnen und Schüler schrieben ihre Prüfungen unter Bedingungen, die kaum fair zu nennen waren: Monatelanger Distanzunterricht, Prüfungsräume mit Maskenpflicht und Lüftungsvorschriften, Lehrer:innen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr unterrichteten. Wie gerecht kann eine Prüfung sein, wenn der Zugang zu Bildung in dieser Zeit so ungleich verteilt war?

Wer leidet am meisten?

Die Pandemie traf nicht alle gleich. Vor allem Jugendliche aus Familien in prekären Verhältnissen standen vor zusätzlichen Herausforderungen. Ohne eigene Laptops oder stabile Internetverbindungen blieb ihnen der Onlineunterricht oft verschlossen. Förderangebote, die vorher Defizite ausgleichen konnten, fielen weg. Laut einer Bertelsmann-Studie 2021 hatten Schüler:innen aus sozial schwachen Familien einen deutlich größeren Lernrückstand als ihre wohlhabenderen Mitschüler:innen.

Doch nicht nur die schulische Bildung litt. Auch die psychischen Belastungen stiegen rapide an. Eine Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf aus dem Jahr 2021 zeigte, dass depressive Symptome bei Jugendlichen während der Pandemie von 10 % auf 25 % anstiegen. Auch hier besonders betroffen: Jugendliche aus einkommensschwachen Familien. Isolation, Zukunftsängste und fehlende soziale Kontakte verstärkten die Krise.

Studierende zwischen Not und Bürokratie

Auch Studierende wurden von der Krise hart getroffen. Mit der Schließung von Unis und Bibliotheken fiel die gewohnte Struktur weg. Wer vorher in der Bibliothek lernte, saß plötzlich allein im WG-Zimmer. Seminare wurden in Zoom-Calls verlegt, Prüfungen fanden online statt – oder wurden verschoben. Für viele eine nervliche Zerreißprobe.

Hinzu kamen finanzielle Probleme. Der Nebenjob in der Gastronomie? Weg. Das Einkommen aus dem Einzelhandel? Fehlanzeige. Die Regierung reagierte mit dürftigen und eher symbolischen Überbrückungshilfen, BAföG-Anpassungen und Notfonds. Doch diese Hilfen kamen nur schleppend an. Der berüchtigte 500-Euro-Zuschuss wurde erst im Sommer 2020 eingeführt und war an hohe Hürden geknüpft – für viele fiel er weg. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigte 2021, dass 40 % der Studierenden in finanzieller Not waren, aber nur ein Bruchteil Unterstützung erhielt.

Eine Krise mit Nachbeben

Der erste Lockdown war ein Ausnahmezustand. Doch viele Entscheidungen aus dieser Zeit wirken bis heute nach. Die Bildungsschere hat sich weiter geöffnet, psychische Erkrankungen sind gestiegen, und das Vertrauen in den Staat ist bei vielen erschüttert.

War der Lockdown notwendig? Vielleicht. War er gut vorbereitet? Sicher nicht. Und die Langzeitfolgen? Die sehen wir noch immer und komplett werden sie sich auch erst noch zeigen.

Ein Streit, bei dem sich alle einig sind

„Neuordnung der Welt“, „Ende der NATO“, „Jahrhundertbruch“ – Seit der Münchener Sicherheitskonferenz und spätestens seit dem letzten Freitag und dem Streit zwischen dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj und dem neuen US-Präsidenten Trump sprühen die Schlagzeile nur so über vor geopolitischen Superlativen. Die neue US-Regierung scheint die NATO in ihrer bisher größten Krise gestürzt zu haben. Der voraussichtlich neue Bundeskanzler Merz stellt sogar infrage, ob man beim nächsten Treffen des seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert bestehenden mächtigsten Militärbündnis der Welt überhaupt noch von der NATO in ihrer jetzigen Form reden könne.

Und tatsächlich steht das Bündnis vor entscheidenden Veränderungen und Umstrukturierungen, allerdings scheinen sich dabei die vermeintlichen Streitparteien, allem Getöse und Türenschlagen, zum Trotz vor allem eines zu sein: einig.

Seit Jahren schon, nicht erst seit der ersten Amtszeit von Trump und auch nicht nur als er das erste Mal als „mächtigster Mann der Welt“ amtierte, fordern die USA die restlichen NATO-Länder auf, ihre eigenen Militärausgaben massiv zu erhöhen. Dies änderte sich auch in der Zwischenzeit, mit Joe Biden im weißen Haus nicht großartig, wurde nur vielleicht, mit weniger Geschrei und Gezeter, den europäischen „Partnern“, wie es so schön heißt, vermittelt. Und die hielten sich dran, die Militärausgaben im Rest der NATO stiegen gerade in der Amtszeit von Biden rasant an. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine war da für viele eine passende Gelegenheit, Projekte wie die „Zeitenwende“ umzusetzen, die zuvor undenkbar gewesen waren, aber dann doch erstaunlich schnell aus der Schublade gezaubert wurden.

Viel war seitdem darüber zu hören, Europa müsse „mehr tun“, gerade Deutschland müsse eine „Führungsrolle“ in Europa einnehmen und dafür aufrüsten. Eine Position, auf die Deutschland seit Jahren politisch und wirtschaftlich, aber auch militärisch schielt. Nichts anderes waren die Initiativen für eine eigene EU-Armee, der Versuch das Einstimmigkeitsprinzip bei wichtigen Fragen in der EU abzuschaffen, wie es schon die „Stiftung Sicherheit und Politik“, ein auf den BND zurückgehenden Thinktank, 2013 in einem Strategiepapier mit dem Titel „Neue Macht – Neue Verantwortung“1 fordert. Deutschland müsse zudem in eine Lage gebracht werden, „auch militärische Gewalt anzuwenden oder zumindest glaubwürdig damit drohen zu können“. Auch konkrete Schritte wie die kaum beachtete Unterstellung der gesamten niederländischen Armee unter deutsches Kommando2 waren Schritte in genau diese Richtung.

Andere Länder in Europa haben große Teile des eigenen Militärgeräts in die Ukraine verbracht, Wehrdienste wieder eingeführt, und und und. Und dennoch scheint es nicht zu reichen. Drei Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sind die Zweifel groß in Europa. In vielen Ländern gibt es offenen oder weniger offenen Widerspruch gegen den Aufrüstungs- und Konfrontationskurs, ob es Proteste gegen die wirtschaftlichen Folgen sind, oder gar der Aufstieg von Parteien verschiedener Spektren, die sich dem Narrativ von Russland als den einen alleinigen Aggressor nicht unterordnen. Viele europäische Länder haben die eigenen, oder von der NATO und den USA vorgegebenen Ziele aus dem einen oder anderen Grund nicht erreicht, vor allem aber wegen der Stimmung im eigenen Land, die ein komplettes Umschwenken auf Kriegswirtschaft, Wehrpflicht und allem, was dazu gehört, unmöglich gemacht hat.

Was kommt da besser gelegen als der große Knall, das Horror-Szenario plötzlich allein dazustehen, zwischen zwei vermeintlich Verrückten. Der große Eklat vor laufenden Kameras, sei es in München oder Washington, der Moment, wo sich Merz, Pistorius und Kieseweter endlich als die Retter in der Not darstellen können und endlich die unbequemen, Forderungen der USA nach Hunderten Milliarden Kriegsausgaben, der Einführung der Wehrpflicht und was sonst noch alles in Windeseile durchsetzen können.

Es wird zu grundlegenden Veränderungen in der NATO kommen, keine Frage. Die USA werden sich aus Europa zurückziehen, wie sie es seit der außenpolitischen Fokussierung auf Asien unter dem Titel „Pivot to Asia“ nicht durch Trump, sondern den Demokraten Obama mehr oder weniger offen seit 15 Jahren angekündigt haben.
Doch befindet sich darüber niemand in Regierungsfunktion außerhalb von Schlagzeilen tatsächlich in einem Streit. Die Regierungen Deutschlands, aber auch Frankreichs und Großbritanniens sind politisch seit langem bereit und willens, diese Rolle bewusst zu übernehmen.

In diesem Sinne ist auch die Perspektive einer Kampfpause in der Ukraine, unter welchen Bedingungen auch immer, sowohl im geopolitischen Interesse Europas als auch der USA. Die USA bekommen die Möglichkeit, sich aus Europa herauszuziehen, ohne aus dem fahrenden Auto springen zu müssen. Und Europa bekommt die Möglichkeit, sich in wenigen Jahren kriegsbereit zu machen und bis zum Ende des Jahrzehnts im rüstungspolitischen Vollrausch auf die Konfrontation mit Russland zuzurasen. Denn die ist mit einem voraussichtlich zumindest halbgaren Abkommen in der Ukraine vorprogrammiert. Nicht ohne Grund spricht Kriegsminister Pistorius seit geraumer Zeit von dem Termin 2029, bis zu dem Deutschland kriegstüchtig werden müsse.3

Auch wenn sie bald nicht mehr im Amt sein wird, beschreibt Annalena Baerbock schon klar den Weg, den Deutschland jetzt mit den letzten Entscheidungen einschlägt: Deutschland müsse „europäisch und national“ handeln und innerhalb der EU „Führung übernehmen“. Konkret bedeutet das Sondervermögen Hunderte Milliarden für Rheinmetall, Musterung, Wehrpflicht und Sozialstaatsabbau. Bis 2029 erwarten uns sicher noch ein paar weitere scheinbar unerwartete Jahrhundertbrüche, Eklats und Weckrufe.

  1. https://www.swp-berlin.org/publications/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SWP_GMF_2013.pdf ↩︎
  2. https://www.tagesspiegel.de/politik/auf-dem-weg-zur-verteidigungsunion-gesamte-truppe-der-niederlande-soll-in-die-bundeswehr-eingebunden-werden-9294005.html ↩︎
  3. https://zoes-bund.de/publikationen/gruenbuch-zmz/ ↩︎

Bombardements in Nord- und Ost-Syrien: Ziel ist die Zivil­bevölkerung

Seit Jahren terrorisiert die Türkei mit gezielten Drohnenschlägen die Selbstverwaltung von Nord- und Ost-Syrien und tötet dabei vor allem Vertreter:innen und Aktivist:innen der basisdemokratischen Strukturen oder Mitglieder der Selbstverteidigungseinheiten.
Da sich die Bevölkerung davon nicht vom revolutionären Aufbau trennen und abbringen lässt, ist zu beobachten, dass die jetzige Offensive vorrangig zivile Infrastruktur, also die Lebensgrundlage der Menschen zerstört.

Seit heute Morgen wurde das Gaskraftwerk in Swediye mehrfach bombardiert. Damit ist die gesamte Region Cizîrê, in der rund 2 Millionen Menschen leben, ohne Strom. Die 5 zentralen Volkskrankenhäuser in den Großstädten Derik, Qamişlo, Amûdê, Hesekê und Şedadê, 15 Spezialkliniken wie die Herz- und Augenklinik in Qamişlo und 35 ländliche Gesundheitszentren sind davon betroffen. Nur vereinzelt gibt es für wenige Stunden Strom von Generatoren.

Da der Strom aus Swediye auch die Wasserwerke der Region versorgt hatte, sind die 2 Millionen Menschen auch von der Wasserversorgung abgeschnitten. In Swediye wurden bisher täglich 13.000 Gasflaschen befüllt, die die Menschen zum Kochen brauchen. Auch dies ist nicht mehr möglich, wodurch sich die Nahrungssituation bald ebenfalls verschlechtern wird.

Achtmal wurde Swediye bisher bombardiert – gezielt, mit zeitlichen Abständen, um die Feuerwehr am Anrücken zu hindern.

Das gesamte Ausmaß ist schwer zu erfassen, da die Angriffe ununterbrochen weitergehen. Nachrichtenagenturen vor Ort sprechen von mindestens fünf Umspannwerken, sieben Ölförderungsanlagen, zwei Trinkwasserpumpstationen und einem Staudamm, die allein gestern bombardiert wurden. Ein Coronakrankenhaus nahe Derik wurde vollständig zerstört.

Seit 12 Jahren herrschte in Syrien Bürgerkrieg, wobei immer wieder solche Anlagen der Energie- und Wasserversorgung vom syrischen Regime, dem IS oder dem türkischen Staat zerstört wurden. Die Bevölkerung gibt seit der Befreiung von Nord- und Ost-Syrien alles, um trotz des umfassenden Embargos der USA und EU, diese lebensnotwendigen Strukturen wieder aufzubauen. Die Gasanlage in Swediye wurde zum Beispiel erst im November letzten Jahres von der Türkei zerstört und mühselig wieder aufgebaut.

Türkische Medien feiern diese Kriegsverbrechen als erfolgreiche Aktionen gegen die „Finanzquellen des Terrors“. Da sich die Gesellschaft nicht vom permanenten Druck einschüchtern lässt und das kriegsversehrte Land auf demokratische Weise wieder aufbaut, versucht die faschistische Propaganda diese Zerstörung der Lebensgrundlage und auch direkte Angriffe auf die Bevölkerung wie auf das Stadtzentrum von Qamişlo als legitime Mittel umzudeuten. Im Fernsehen wird auch erneut über eine mögliche Bodeninvasion diskutiert. Zuletzt wurden insgesamt sechs getötete Zivilist:innen und sechs getötete Sicherheitskräfte gezählt. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher.

Die aktuelle Fokussierung auf zivile Einrichtungen kann als verzweifelter Akt der Zerstörung gedeutet werden, mit dem der türkische Faschismus die Hoffnung und den Willen der Gesellschaft endgültig brechen will. Der Staat versucht, vor allem Gebiete nahe der Grenze zu entvölkern, um weitere Besetzungen vorzubereiten. Die gesamten befreiten Gebiete sollen durch diesen Terror des NATO-Mitglieds destabilisiert werden, um auch islamistischen Kräften wie dem IS Handlungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Wir in Deutschland dürfen nicht vergessen, dass diese völkerrechtswidrigen Angriffe nur durch die Unterstützung der BRD möglich sind. Als NATO-Mitglied wurde die türkische Armee zur zweitgrößten des Bündnisses hochgezogen, nicht zuletzt mit Waffen aus deutscher Produktion. So stammen beispielsweise die Kameras der Drohnen, mit denen Nord- und Ost-Syrien gerade ferngesteuert bombardiert wird, aus deutscher Produktion. Durch den „Flüchtlingsdeal“ zahlt die EU Milliarden, damit Geflüchtete unter unmenschlichen Bedingungen in der Türkei festgehalten werden. Doch auch die Ampel-Regierung pflegt enge Beziehungen zum türkischen Regime, weshalb die sogenannte „feministische Außenpolitik“ Annalena Baerbocks zu den Angriffen schweigt. Daher gab bisher es von Seiten der öffentlich-rechtlichen Medien keinerlei Berichterstattung. Es liegt an allen ehrlichen, solidarischen Menschen und Organisationen, auf diese brutalen Angriffe gegen die Revolution und alle Menschen in Nord- und Ost-Syrien und die Mittäterschaft des selbsternannten „Wertebündnisses“ NATO aufmerksam zu machen.

Staaten und Massaker – Ein Kommentar aus der Redaktion zur aktuellen Situation

Ohne jede Frage wird der 7. Oktober 2023 in die Geschichte eingehen, als ein Tag, der mit nur wenigen vergleichbar ist. Nach massivem Raketenbeschuss auf Israel drangen Kämpfer, unter der Federführung der Hamas, auf israelisches Territorium vor. In den ersten Stunden nahmen sie Dutzende Siedlungen, Dörfer und Kibbuzim ein und überrannten nicht nur Militärposten der IDF, sondern begingen auch an der Zivilbevölkerung maßlose Gräueltaten. Es wird von Vergewaltigungen und Morden an ganzen Familien berichtet, die vor den Angreifern flüchteten. Und auch die Verschleppungen von bis zu 250 Personen aus ihren Häusern nach Gaza, sowie das brutale Massaker an Hunderten Feiernden bei einem Musikfestival durch die Hamas bestimmten in den ersten Tagen die Nachrichten. Es gab beinahe pausenlos Raketenalarm und selbst in Tel Aviv, wo das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome am besten ausgebaut ist, kam es zu direkten Einschlägen von Raketen der Hamas. Medien berichten davon, dass es in Israel kaum jemanden gäbe, der niemanden kennt, der von den Angriffen direkt betroffen ist. Etwa 1000 Zivilist:innen sollen den Angriffen auf Israel bereits zum Opfer gefallen sein. Zehntausende haben während der Angriffe und der Reaktionen der IDF das Umland des Gazastreifens verlassen. Genauso im Norden des Landes, wo die israelische Armee ein militärisches Sperrgebiet entlang der Grenze zum Libanon eingerichtet hat. Auch dort schwelt die Gewalt seit Tagen. Von allen Seiten wird spekuliert, ob und wenn ja wie, die Hisbollah aus dem Libanon in den Konflikt einsteigt.

Auf der anderen Seite des Zaunes um Gaza, dessen Überwindung von der Hamas und der lokalen Bevölkerung zu größten Teilen als Befreiungsschlag gesehen wurde, kam die Reaktion der israelischen Armee direkt und nicht weniger verheerend. Noch am Tag der Angriffe auf Israel, verstärkt aber nach der Rückeroberung der Ortschaften außerhalb des Gazastreifens, begann die israelische Luftwaffe mit Bombardierungen im Gazastreifen. Allein in den ersten sechs Tagen sollen rund 6000 Bomben auf Gaza abgeworfen worden sein. Laut Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde wurden über 5000 Menschen dabei bis zum 25. Oktober getötet, darunter, nach palästinensischen Angaben, über 2000 Kinder, die WHO zählt weit über 10.000 Verletzte. Die Krankenhäuser im Gazastreifen befinden sich seit dem am absoluten Limit, wenn sie nicht sogar schließen mussten. Viele Krankenhäuser mussten aufgrund von Personalmangel und Probleme der Energieversorgung ihre Arbeit sogar einstellen. Die Blockaden von Hilfs- und Lebensmittellieferungen, sowie der Strom- und Wasserversorgung nach Gaza haben das Leben der Zivilbevölkerung zu einem täglichen Überlebenskampf gemacht. Die WHO und andere Hilfsorganisationen warnen seit Beginn der totalen Blockade vor einer humanitären Katastrophe. Wiederholt haben falsche Versprechungen auf Hilfslieferungen, sowie die wiederholte Bombardierung des einzigen Grenzübergangs von Gaza nach Ägypten, durch Israel die Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage schrumpfen lassen. Ob die wenigen Dutzend Lastwägen die seit Samstagmorgen nach langem Ringen von Ägypten nach Gaza einfahren konnten, lässt sich bezweifeln, zumal die Hilfslieferungen noch immer ein heißes Thema auf dem internationalen Parkett sind.

Die wiederholte Aufforderung Israels an rund eine Million Menschen in Gaza, also knapp die Hälfte der Bevölkerung, den Norden des Landes zu räumen, hat zu Panik und einer Massenflucht in den Süden der Enklave geführt. Überfüllte Unterkünfte und das anhaltende Bombardements der eigentlich als sicher deklarierten Strecke in den Süden verschlimmern die humanitäre Situation weiter. In den vergangenen Tagen sind auch immer wieder Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, welche aufgrund der großen Anzahl an transportunfähigen Verletzten nicht evakuiert werden können, unter Beschuss geraten. 

Diese viel zu kurze Aufzählung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, können den Schmerz und das Leid den die Menschen, Familien und Gesellschaften vor Ort aktuell erleben nicht einmal annähernd darstellen.

Die letzten mittlerweile zweieinhab Wochen waren für die Menschen in der Region und ihre Angehörigen im Ausland eine reine Tortur, anders kann die Situation nicht beschrieben werden. Befürchtungen über eine Ausweitung des Konflikts, einer möglichen Beteiligung der Hisbollah oder gar dem Iran und die Verlegung von US-Militärschiffen in die Region, haben uns in den vergangenen Tagen in den Abgrund blicken lassen, der sich auftun würde, sollte dieser Konflikt weiter eskalieren. Wenn der Konflikt sich auf den Libanon oder Syrien ausweiten würde, wäre eine tatsächliche Explosion des Pulverfasses im Nahen und Mittleren Osten so gut wie gewiss. Dies würde nicht nur die Verlängerung der Liste, der an dem Konflikt beteiligten Parteien und Gruppen bedeuten, sondern ganz konkret die Bedrohung des Lebens von Hunderttausenden in der ganzen Region – ein Vielfaches dessen, was wir bereits jetzt in Israel und Palästina sehen. Der Konflikt zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran und seinen zahlreichen Verbündeten auf der anderen Seite schwebt wie ein drohender Schatten über allen Schritten, die Hamas, IDF und Hisbollah in diesen Tagen auch nur erwägen.

Während in der Berichterstattung zumeist die Militärs, die Präsidenten und Minister, die Diplomaten und Kriegstreiber aller Seiten die Aufmerksamkeit bekommen, sind die zivilen Opfer oft nur eine Randnotiz. So geht es, selbst bei den möglichen Hilfslieferungen an Gaza oder Geiselbefreiungen, inzwischen teilweise unverhohlen darum, den israelischen Angriff zu ermöglichen und nicht in erster Linie darum, Menschenleben zu schützen. Von rassistischen Äußerungen durch israelische Politiker:innen, und auch aus Deutschland kommender Billigung von Kriegsverbrechen und Vertreibungen durch die IDF, ganz zu schweigen. Auf der anderen Seite sprich in Medien der Hamas sieht das genauso aus. Mit antisemitischen Stereotypen soll jüdisches Leben im Nahen Osten delegitimiert werden.

Weder die zivilen Opfer auf beiden Seiten, noch die zum Teil rassistische oder antisemitische Propaganda, welche auf beiden Seiten existiert, dürfen aber darüber hinwegtäuschen, dass es sich keinesfalls um einen symmetrischen Konflikt handelt. Die Mittel der Hamas oder des Islamischen Jihad sowie ihre Ideologie sind falsch, doch sind sie nicht der Ursprung oder Anfang des Konflikts. Der Kampf des palästinensischen Volkes um Befreiung, sowie gegen die seit Jahrzehnten anhaltende Vertreibung, Unterdrückung und Verleugnung auf internationaler Ebene ein legitimer Kampf. Und dieser Kampf ist auch nicht aus dem Nichts entstanden, er ist die natürliche Reaktion auf die Ungerechtigkeiten, die das palästinensische Volk im Laufe der Geschichte erdulden musste, und dazu gehört neben der kolonialen Geschichte eben auch die daraus resultierende Staatsgründung Israels, die damit verbundene Nakba, also die Vertreibung von rund 700.000 Palästinenser:innen aus dem heutigen Israel und das fehlende Recht auf Rückkehr, die Besatzung im Westjordanland und der Siedlungsbau, der in den letzten Jahren immer gezielter von der israelischen Regierung vorangetrieben wurde, die jahrelange Blockade des Gazastreifens, anhaltende und alltägliche Razzien im Westjordanland, dazu zunehmende Gewalt durch die von der israelischen Regierung gestützten Siedler. Gegen all diese Entwicklungen und Unterdrückungen befand sich das palästinensische Volk immer in der Defensive. Nur wenn dieser Umstand anerkannt wird, kann der Konflikt voll und ganz verstanden werden und begriffen werden wo die Unterschiede zwischen den Parteien und den Anliegen und Kämpfen der Bevölkerung liegen.

Die letzten 75 Jahre haben aber gezeigt, dass keine der Seiten die heute den Konflikt auf dem Rücken der Zivilbevölkerung austragen, tatsächlich in der Lage ist, die Situation zu lösen, auch weil sie nicht der gesellschaftlichen Realität des Nahen Ostens entsprechen.

Weder die zionistische Bewegung, noch islamistische Kräfte sind aufgrund ihrer Ideologie in der Lage, eine gesellschaftliche Vielfalt, wie sie vor Ort und auch in anderen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens für Jahrtausende existiert hat, zu akzeptieren. Noch nie war der Nahe Osten nur jüdisch oder nur muslimisch besiedelt. Nie war der Nahe und Mittlere Osten ethnisch, religiös oder kulturell homogen. Das bedeutet nicht, dass es in der Vergangenheit keine Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen gab. Aber es bedeutet, dass jegliche Konzepte und politische Ideen, die diese Vielfalt nicht anerkennen und als Grundlage nehmen, zum Scheitern verurteilt sind. Diese Konzepte haben innerhalb des letzten Jahrhunderts zu Vertreibungen und Massakern in Form der Nakba und der Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus allen Teilen der muslimischen Welt geführt.

So können durch diese Konzepte vielleicht nationalstaatliche Interessen oder fundamentalistische Agenden durchgesetzt werden, doch sie sind dazu verurteilt, darin zu scheitern, eine freie und gleichberechtigte Zukunft der ethnischen, religiösen und kulturellen Gemeinschaften im Nahen und Mittleren Osten erschaffen zu können.

Wer dies tatsächlich als Ziel hat, kann sich nicht auf die eine oder die andere Seite dieses Konfliktes schlagen. Weder jene, die davon sprechen, dass die Bewohner:innen von Gaza Tiere seien, die ja zur Not auch einfach in andere muslimische Länder gehen könnten, noch jene, die vom Judentum als Tumor reden und es im Nahen und Mittleren Osten auslöschen möchten, können als Teil eines gerechten Widerstandes oder einer legitimen Verteidigung der Gemeinschaften angesehen werden, die sie vorgeben, zu vertreten.

Es gibt ein Recht des palästinensischen Volkes, sich gegen Vertreibung, Besatzung und Völkermord zu wehren und für regionale und internationale Anerkennung und Selbstbestimmung zu kämpfen. Genauso gibt es das Recht des jüdischen Volkes, im Nahen und Mittleren Osten in Frieden und Freiheit zu leben. Diese Sätze sind allerdings nicht mit einem „Aber“ oder einem „Jedoch“ zu trennen. Sie sind keine Gegensätze, sondern werden und können nur gemeinsam erreicht werden. Die nationalstaatlichen Konzepte von Zionismus, Panarabismus, Ein-Staaten-, Zwei-Staaten- oder Drei-Staaten-Lösung – oder gar internationaler Treuhand, wie sie in der taz vor wenigen Tagen ausgegraben wurde, die aber nicht weniger wäre als eine weitere koloniale Intervention durch die „internationalen Gemeinschaft“ – haben nichts mit den Rechten, der Freiheit oder der Selbstbestimmung des jüdischen oder des arabischen Volkes zu tun.

Die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) veröffentliche zu dem Konflikt seit dem 7. Oktober bereits mehrere Stellungnahmen und stellte mit aller Deutlichkeit dar: „Die staatsfixierte Mentalität ist die Ursache für die Probleme der Gesellschaften und der Menschheit. Die Probleme sind mit der Durchdringung der Gesellschaften durch das staatlich orientierte Denken in der Geschichte der Menschheit bis heute immer weiter gewachsen.“ Das bedeutet auch, dass die Gesellschaften zu weiten Teilen die Argumente und Vorgehensweisen der Staaten übernommen haben. Die staatliche Mentalität hat die gegenseitigen Vernichtungswünsche und -Bestrebungen erst hervorgebracht und heizt diese immer weiter, auch in der Bevölkerung selbst, an. Daraus ergibt sich auch, dass die Lösung des Problems nicht im militärischen Sieg der einen über die anderen oder ein militärisches Patt oder ein wie auch immer geartetes Friedensabkommen zwischen zwei Staaten liegen kann, wie es sie schon so oft in der Vergangenheit gab.

„Probleme lassen sich nicht, wie oft behauptet wird, durch die Gründung weiterer Staaten lösen. Im Gegenteil, die Probleme können nur durch den Aufbau einer demokratischen Nation auf der Grundlage einer freien, gleichberechtigten und demokratischen Selbstverwaltung gelöst werden. Die Probleme sowohl des jüdischen als auch des palästinensischen Volkes können auf diese Weise gelöst werden. Die Menschen in Jerusalem, das von drei Religionen als heilig angesehen wird, und in der uralten palästinensischen und israelischen Region könnten mit diesem Modell am besten in Freiheit und Frieden leben.“

„Alle Probleme im Nahen Osten […] können nur durch die Überwindung der nationalstaatlichen Mentalität gelöst werden.“

Konkret bedeutet dies, sich in der aktuellen Situation weder mit der Hamas als Akteur, noch mit dem israelischen Staat, sondern mit der Zivilbevölkerung jenseits der Frontlinien zu solidarisieren. Es bedeutet, sich für die Geiseln einzusetzen, die noch immer in der Gefangenschaft der Hamas sind. Es bedeutet aber auch, sich klar gegen die die Bombardierungen des Gazastreifens und die drohende Bodenoffensive zu stellen, die Zehntausende zivile Todesopfer zur Folge hätte. Es bedeutet, die Verbrechen der Hamas als ganz klar das zu benennen, was sie sind – „männlich dominierte, faschistische Angriffe“, wie es die Gemeinschaft der Frauen Kurdistans ausdrückte – aber zugleich die gerechte Sache des palästinensischen Volkes zu unterstützen. Es bedeutet, keine noch so moralisch anmutende Bündnisse mit der NATO oder dem Iran einzugehen.

Aktuell deutet wenig auf eine Deeskalation der Lage oder auf ein Aufatmen für die Zivilbevölkerung hin. Im Gegenteil droht der Konflikt sich wie bereits erwähnt auf weite Teile des Nahen und Mittleren Osten auszuweiten – Ein Szenario, das, mit Blick auf der jetzt schon hohen Zahl an zivilen Opfern, mit dem Ausmaß des Ukrainekriegs vergleichbar sein könnte, oder sogar darüber hinausgehen könnte.

Auch hier in Deutschland führt der Konflikt zu massiven Diskussionen und von staatlicher Seite zu einem massiven autoritären innenpolitischen Feldzug. Auf diese Aspekte wollen wir im zweiten Teil dieses Textes eingehen, den wir in den kommenden Tagen veröffentlichen werden.

Nord Stream – Ein Musterbeispiel von Berichterstattung in Kriegszeiten

Die Sprengung der Nord Stream Pipelines führte zu einer Vielzahl von Spekulationen und mittlerweile zwei sich gegenüberstehenden Theorien wer es gewesen sein könnte. Auch die neuesten Veröffentlichungen bieten keinen Aufschluss und sind kein Teil eines Wahrheitsfindungsprozesses, sondern auch Teil eines Kampfes um die öffentliche Meinung.

Die Sprengung der Nord Stream-Pipelines in der Nacht zum 26. September letzten Jahres war wohl eines der wichtigsten Ereignisse im Rahmen des Krieges in der Ukraine, das sich selbst nicht auf dem ukrainischen Staatsgebiet abgespielt hat. Schon vor Beginn des Krieges war die neu gebaute Pipeline Nord Stream 2 von vielen Seiten umstritten, Umweltverbände und Klimagerechtigkeitsbewegung kritisierten den Bau wegen dem Ausbau fossiler Infrastruktur, Andere Kritisierten den Bau wegen der zunehmenden Abhängigkeit von Russland und die Grünen vermischten mal wieder beides und spielten mit beiden Karten. Doch so klar wie niemand anderes sprachen sich die USA gegen den Bau und die Inbetriebnahme aus. Vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 sagte US-Präsident Biden noch, sollte dieser Fall eintreffen, werde es kein Nord Stream mehr geben, welche Mittel er genau dafür einsetzen werde sagte er allerdings nicht.

Und trotz dieser umfassenden Debatten war die Debatte nach den Detonationen und der recht schnellen Eindeutigkeit, dass es sich bei den Explosionen um gezielte Sprengungen gehandelt hat, darüber wer dahinter steckt recht schnell vorbei, als ob diese Pipelines, über die so intensiv und lange diskutiert wurde doch nicht so relevant sei. Und schnell hatten sich alle von CDU bis linksliberale insgeheim ohne einen wirklichen Beweis oder ein Motiv darauf geeinigt, dass es ja sicher Putin gewesen sein müsste. Aus dem ZDF-Satiremagazin Heute Show hört man damals: „Nord Stream 1 und 2 wurden an vier Stellen kaputtgemacht. Aber bitte keine Vorverurteilungen! Bei diesem Fall sind noch jede Menge Fragen ungeklärt. Zum Beispiel, welche Nation dahintersteckt oder wie genau die russischen Kampftaucher das gemacht haben.“

Erst Anfang Februar kam das Thema wieder auf die Agenda, als der Investigativ-Journalist Seymour Hersh einen Bericht vorlegte, in dem er unter Berufung auf eine Quelle im US-Militär beschreibt wie dieses, in Zusammenarbeit mit dem NATO-Partner Norwegen die Sprengungen im Herbst 2021 vorbereitete und schließlich durchführte. Hersh, der dutzende Enthüllungen im Laufe seiner Karriere ans Licht brachte, war bei westlichen Medien schnell unten durch und wird heute nur noch mit dem Adjektiv „umstritten“ benannt, wenn nicht sogar wie es das ZDF am 6. März tat als „Ehemligen Starjournalisten, der aber heute eher als Blogger mit Verschwörungstheorien unterwegs ist“ bezeichnet. Während sich also mit seinem Bericht kaum auseinandergesetzt wurde und eher er selbst, als der Bericht angegriffen wurde, war es erst der 6. März, der erneut das Thema der Täterschaft aufmachte. 

Angeblich hätten deutsche Behörden eine Spur in die Ukraine gefunden, wobei auch dabei die bis dato veröffentlichten Ermittlungsergebnisse eher mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten. Eine Gruppe von 6 Personen habe in Rostock eine Segelyacht bestiegen, die von einer polnischen Firma mit ukrainischen Besitzern angemietet worden sei. Die Yacht sei mit dem Sprengstoff beladen worden und schließlich ausgelaufen, um den Sprengstoff durch die beiden Taucher an Bord an den Pipelines anbringen zu lassen. Die Personen sollen Teil einer pro-ukrainischen Gruppe sein und bei der Anmietung des Bootes gefälschte bulgarische Pässe vorgelegt haben. An Bord dieser Yacht sollen bei einer Durchsuchung im Januar schließlich Spuren von Sprengstoff gefunden worden sein. 

Dass diese Version ihre Lücken hat, wurde schon kurz nachdem sie zum ersten mal präsentiert wurde angemerkt, so war ein Hafen, in dem laut der Recherche die Yacht halt gemacht haben soll, gar nicht tief genug, dass das Boot dort hätte einfahren können. Eine Verwechslung, so die Erklärung später. Doch auch die Geschichte an sich hat ihre Probleme. Kurz nach der Sprengung waren sich alle Expert*innen sicher, es müsse sich um einen staatlichen Akteur gehandelt haben, private Personen hätten nicht die Fähigkeiten eine solche Aktion durchzuführen. Und jetzt soll es doch eine nicht näher definierte „pro-ukrainische Gruppe“ sein, die aber, so wenig man auch weiß, sicher nichts mit der ukrainischen Regierung zu tun habe. Auch wie eine solche Gruppe von deutschen Behörden in der aktuellen angespannten politischen Situation und der Angst um die kritische Infrastruktur, unbehelligt mit mehreren Hundert Kilogramm Sprengstoff in den Hafen in Rostock fahren konnte und ihn dort auf eine Yacht verladen konnte, lässt zumindest stutzen.

Wer genau hinter den Explosionen steckt, wird noch lange Thema von Spekulationen bleiben, wenn es überhaupt je zu einem eindeutigen Ergebnis der verschiedenen Ermittlungen kommen sollte. Doch allein der Umgang mit den verschiedenen Berichten lässt tief blicken, was Berichterstattung und öffentlichen Diskurs angeht. 

Die Reaktion auf den Bericht von Seymour Hersh war von Anfang an, noch bevor sich Lücken in seinem Bericht auftaten, eine Diffamierungskampagne in seine Richtung, die ihn selbst angegriffen hat. Aufschluss darüber liefert zum Beispiel auch ein Blick auf seinen Wikipedia Artikel. Heute gibt es bei ihm ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Zunehmend kritisch beurteilte Untersuchungen“, unter dem seine Arbeiten der letzten Jahre aufgeführt werden, ganz nach dem bereits oben genannten Narrativ von „heute eher Blogger mit Verschwörungstheorien“. Tatsächlich ist dieses Kapitel auf seiner Wikipediaseite aber erst Anfang März aufgemacht worden. Zuvor waren die Arbeiten, die er nach 2011 veröffentlichte wie alle anderen auch präsentiert worden.

Zugleich wurden aber die Berichte über die Ermittlungen deutscher Behörden als Bare Münze genommen und selbst als Ungereimtheiten aufgezeigt wurden verteidigt und davon spekuliert, dass es ja auch sein könne, dass es sich um eine geschickte False-Flag Aktion gehandelt habe, ohne, dass es dafür irgendwelche Anhaltspunkte gegeben habe.

Und dies ist kein Muster, dass nur hierzulande zu beobachten ist. Auch in Russland ist die Auseinandersetzung über die Täterschaft der Sprengungen ähnlich geführt worden, nur war es hier der Bericht von Hersh, der sofort bestätigt und durch die Medien gejagt wurde.

Der Öffentlichkeit muss in Kriegszeiten, mehr noch, als in Friedenszeiten bewusst sein welchen Stellenwert Medien und Berichterstattung haben. Staatliche Maßnahmen, Gesetzesvorhaben, konkrete Beschlüsse außenpolitisches Handeln etc. muss immer von bestimmten Erzählungen unterfüttert werden. Dies muss nicht bedeuten, dass alle Berichterstattung vom Staat kontrolliert wird, es kann auch bedeuten, dass sich nicht staatliche und staatliche Stellen in einem bestimmten Narrativ gegenseitig unterstützen. Und dass es diese nichtstaatlichen Stellen zuhauf gibt zeigt sich auch an der massiven medialen Kampagne für die Kriegsindustie in der diese immer mehr Geld fordert um ihre Produktionsfähigkeiten anzuheben. Auch ist Nord Stream nur ein Beispiel dafür unter vielen, allein im Kontext von Militär und Krieg gibt es eine ganze Reihe von Themen die mit diesem kritischen Blick betrachtet werden müssen, sei es das Narrativ, dass die Bundeswehr so schlecht ausgestattet sei und deshalb unbedingt 100 Milliarden Euro brauche, oder das Narrativ, dass die jeweils andere Kriegspartei kurz vor dem Kollaps stünde und ein vielfaches mehr an Toten und Verletzten zu beklagen habe, während von der anderen Seite das genaue Gegenteil behauptet wird, was auch einfach durchzusetzen ist, weil niemand die genauen Zahlen an Menschenleben kennt die zwischen Kriegsgerät zerrieben werden.

„Sie wollten uns begraben, doch sie vergaßen, dass wir Samen sind.“


Das Datum war dabei kein Zufall: am 01.01.1994 sollte das internationale Handelsabkommen zwischen Mexiko und den USA NAFTA in Kraft treten und damit die Neoliberalisierung und Ausbeutung Mexikos weiter vorantreiben.

Die indigene Bevölkerung des Südens, hauptsächlich in Chiapas um den lakandonischen Urwald, organisierte sich bereits seit den 80ern klandestin als Guerilla in den Bergen. Am besagten Datum sollte die mehrheitlich indigene Guerilla sechs Städte im Bundesstaat Chiapas besetzen und somit die Revolution ausrufen.
Man sagt jedoch, dass 1993 die Revolution vor der Revolution stattgefunden hat, mit den revolutionären Frauengesetzen, erarbeitet von den Frauen aus den Reihen der EZLN und der Zivilbevölkerung. Darin schrieben die Frauen unter anderem das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper, Kinderwünsche und Partnerwahl fest, aber auch das Alkohol und Drogenverbot, dass bis heute einen grundlegenden Teil der zapatistischen Organisierung darstellt. Durch ein tiefes Verständnis der Verbindung von Alkohol und Drogenkonsum mit Gewalt gegen Frauen sowie kolonialer Gewalt, entlarvten die Frauen diese Mittel bereits früh als spezielle Form der Kriegsführung und verstanden es, sich als gesamte aufständische Gemeinschaft dagegen zu verteidigen.

Zurück ins Jahr 1994: Nach zweiwöchigen Kämpfen versuchte die mexikanische Regierung, den Aufstand durch Verhandlungen zu bremsen. Die Verhandlungsergebnisse und die Befriedung mit dem Neoliberalismus wurden jedoch durch Abstimmungen in den zapatistischen Dörfern abgelehnt. Stattdessen rief die EZLN alle Bevölkerungsgruppen Mexikos dazu auf sich für die Demokratisierung des gesamten Landes zu organisieren und kündigte an, so lange zu kämpfen, bis ihre Forderungen nach Arbeit, Land, Wohnung, Ernährung, Gesundheit, Ausbildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden erfüllt sind. Alsbald begann der Aufbau ziviler Selbstverwaltungsstrukturen. So entstanden 2003 die Räte der guten Regierung (Juntas de Buen Gobierno) und Caracoles als Verwaltungszentren. In diesen lokalen, kommunalen und regionalen Räten, werden alle Entscheidungen basisdemokratisch getroffen. Die Repräsentant:innen der Räte, die regelmäßig wechseln, haben keine eigene Entscheidungsmacht, sondern müssen die Beschlüsse der Räte umsetzen. Außerdem begann der Aufbau selbstverwalteter Schulen, Krankenhäuser und Landwirtschaftskooperativen, mit besonderem Augenmerk auf den Frauenkooperativen.

Trotz permanenter Angriffe durch den mexikanischen Staat und rechte Paramilitärs wachsen die selbstverwalteten Gebiete seitdem immer weiter und umfassen aktuell 43 Gemeinden, in denen mehrere hunderttausend Menschen leben.
Der Aufstand 1994 war ein entscheidender, wichtiger Schritt, der nur durch jahrelange Arbeit, Organisierung und Bildung möglich war. Gleichzeitig ermöglichte erst dieser Schritt unzählige revolutionäre Errungenschaften in Chiapas, Mexiko und auf der ganzen Welt.

Wie jede Gesellschaft auf der Welt, die sich von der dystopischen Realität des Kapitalismus entfernt und einen selbstverwalteten, solidarischen Weg geht, ist auch die Indigene Bevölkerung in Chiapas permanenten, grausamen Angriffen ausgesetzt. Trotzdem beugen sie sich nicht und machen ihrem Motto getreu weiter: „Sin pausas pero sin prisas“ („Ohne Pause und ohne Eile“). Denn die Zapatistas sehen revolutionäre Politik als lebendigen und langwierigen Prozess des gleichzeitigen Handelns und Lernens.

Eine der größten Gefahren für die Autonomie der Indigenen und die Natur in Mexiko soll laut den Plänen ab diesem Jahr auf Hochtouren laufen: Der sogenannte Tren Maya (Maya-Zug). Die 1525 km lange Zug- und Autobahnstrecke, die zynischerweise nach den Vorfahren der Zapatistas benannt wurde, soll Naturschutzgebiete, Regenwälder und die Gebiete von Indigenen für mexikanische und internationale Konzerne erschließen. Dabei würden mindestens 23 Naturschutzgebiete, unzählige weitere Ökosysteme und das Grundwassersystem des Landes direkt beschädigt oder zerstört werden. Das Großprojekt wäre nicht nur das Einfallstor für kapitalistische Industrie und Umweltzerstörung, sondern würde auch der mexikanischen Armee (der ein Großteil des Projekts gehört) ermöglichen, ihre permanenten Angriffe auf die autonomen Gemeinden zu intensivieren. Deutsche Konzerne, wie die Deutsche Bahn, Siemens, TÜV Rheinland oder Heckler & Koch sind maßgeblich an diesem Verbrechen beteiligt. Deshalb müssen wir den Widerstand gegen den Tren Maya, für den Aktivist:innen in Mexiko regelmäßig ermordet werden, hier sichtbar machen und durch eigene Aktionen verstärken!

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