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Geopolitik

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Friede, Freude, Geburtsurkunde

Kaum ist die Geburtsurkunde seines Großvaters an den Faschisten von der anderen Seite des Teichs überreicht, sind die ach so fernen Zeiten vergessen, in denen auch Friedrich noch infrage stellte, ob die transatlantische Vereinigung noch lange halten könne.

Nach der Wahl im Februar hatte Merz noch infrage gestellt, ob man im Juli beim nächsten Treffen überhaupt noch von der NATO „in dieser Form“ werde sprechen können. Die Panik setzte ein in der deutschen Presse- und Parteienlandschaft. Die Große Aufregung darüber, jetzt plötzlich ganz viel für die Aufrüstung machen zu müssen. Es folgten ein überbieten ohne Gleichen, wie viel Prozent des BIP jetzt in die Rüstung gesteckt werden müsse. Und plötzlich waren alle sehr einig darüber, dass man noch schnell mit den alten Mehrheiten im Bundestag die Schuldenbremse für Kriegsmaterial aussetzen müsse. Nicht verfassungswidrig natürlich – wenn auch vielleicht nicht ganz nach den Idealen der Demokratie.

Doch von dem vermeintlichen Bruch zwischen Europa und Washington scheint plötzlich nichts mehr zu spüren zu sein, stattdessen witzelten Merz und Trump über Bad-Dürkheim – die Heimat von Trumps Großvater. Abseits der inszenierten Menschlichkeit vermeldete die CDU dann sogar stolz den Handshake in Washington:

Das transatlantische Bündnis lebt!

Vergessen ist der historische vermeintliche Streit vom Frühjahr. Warum war also diese ganze Aufrüstungshysterie nötig, die seit Wochen die deutsche Öffentlichkeit in ihre Zange nimmt? Woher kam plötzlich die Überzeugung, das „wir mehr machen müssen„? Was ist geblieben von der Erkenntnis, das Trump „unberechenbar“ ist?

Tatsächlich ist sich das Bündnis heute so einig wie es sich immer war – selbst in den vermeintlich schwersten Minuten, als man schon die Atlantikbrücke wanken sah. Europa soll aufrüsten, damit sich die USA China widmen kann. Diese Aufrüstung kann hier nur durchgesetzt werden, wenn man nachdem guten alten Rezept der Schocktherapie einen Moment der Panik erzeugt, in der die sonst hoch gehaltenen demokratischen Werte kurz vergessen können.

Heute ist das alles durchgesetzt und in trockenen Tüchern: Deutschland und andere EU-Staaten befinden sich fest auf dem Kurs zu 5 % Kriegsausgaben und auch die Rekrutierung nimmt Fahrt auf, mit 60.000 neuen Soldat:innen als jüngstes Ziel.

Den großen, lauten Bruch mit den bösen Amis brauch es da vielleicht dann aus Sicht von Merz doch nicht mehr.

Schlammschlacht oder Zollkrieg?

Trumps „Liberation Day“

Die Vorboten des Zollkriegs waren die am 1. Februar angekündigten Zölle auf kanadische, mexikanische und chinesische Importe, welche aber gleich am 3. Februar wieder ausgesetzt wurden. Das gleiche Spiel am 4. März: Die US-Regierung verkündet Zölle in Höhe von 25% auf kanadische und mexikanische Einfuhren. Chinesische Importe sollen mit 20% Einfuhrgebühren belegt werden. Zwei Tage später werden auch diese wieder ausgesetzt.

Im April geht es weiter: die US-Regierung unter Trump ernennt den 2. April zum „Liberation Day“ an dem „die amerikanische Industrie wiedergeboren“ werde.

Noch am Abend des 2. April kündigte Trump dann in einer Pressekonferenz an, ab dem 5. einen Basiszollsatz in Höhe von 10% auf alle importierten Waren in die USA zu verhängen. Zusätzlich benannte er 90 Staaten, auf deren Importe zusätzliche Einfuhrgebühren verhängt werden. Darunter 25% für Autoimporte aus der EU. Noch bevor diese in Kraft treten konnten, wurden sie allerdings für 90 Tage ausgesetzt. Hiervon nicht betroffen waren die chinesischen Einfuhren; diese wurden mit 145% Zollgebühren belegt. Die chinesische Regierung reagierte mit Gegenzöllen in Höhe von 125%.

Die Ankündigungen und teilweise Verhängungen lösten in den weltweiten Regierungsgebäuden, wie auch an der Börse, starke Reaktionen aus. Der US-Börsenindex S&P 500, der die Aktien von 500 führenden börsennotierten US-Unternehmen umfasst, brach innerhalb von einem Tag um 5% ein. Und auch der deutsche DAX, der die Aktien der 40 größten deutschen Unternehmen umfasst, brach zeitweise um 10% ein. Von den US-Zöllen ist insbesondere die deutsche Autoindustrie betroffen, deren wichtigster Abnehmer die USA sind.

Der Unternehmensberatung Kearney zufolge könnten die Zölle auf Produkte der Automobilindustrie in Europa für den Verlust von bis zu 30.000 Arbeitsplätzen sorgen.

Wieso das Ganze?

Der angezettelte Zollkrieg ist kein spontaner Einfall, vielmehr könnte man ihn als eine unbeschönigte und beschleunigte Politik der USA beschreiben. Spätestens seit dem Ende der Sowjetunion 1989 und dem damit bedingten Ende der Blockkonfrontation versuchten die USA sich mit allen Mitteln als alleiniger Hegemon, der die eigenen militärischen und wirtschaftlichen Vorstellungen durchsetzt, an der Spitze zu halten. Beginnend mit dem 2. Golfkrieg gab es keinen Konflikt, keinen Krieg, der ohne die Einmischung der USA vonstatten ging – den Namen der Weltpolizei trägt sie nicht umsonst.

Diese hegemoniale Stellung wird jedoch immer weiter von China infrage gestellt. Spätestens seit der Wirtschaftskrise 2008 spekulieren immer mehr Wirtschaftswissenschaftler darüber, wann China die USA wirtschaftlich überholen könnte. Die Diskussionen liegen hier zwischen 2030 und 2035. Dies versucht die USA mit aller Macht zu verhindern. Die USA hat daher begonnen, ihren Fokus aus Europa und dem Mittleren Osten nach China zu verschieben. Einen Namen hat das ganze bereits 2012 unter Barack Obama mit „Pivot to Asia“ bekommen.

Der Nixon-Schock

Die USA ist nicht bereit, ihre Vormachtstellung zu räumen. Dennoch gerät sie in einer immer multipolarer werden Weltordnungweiter ins wanken. Auch wenn es vielleicht nicht so wirken mag, steht die USA vor dem Problem, mächtig verschuldet zu sein und vor einer immer weiter schwindenden US-Industrie. Die Ursprünge dafür lassen sich in den 70er Jahren finden.

Am 15. August 1971 erklärte der US-Präsident Richard Nixon das bisherige Weltwährungssystem für aufgehoben. Ein Tag, der als Nixen-Schock in die Geschichte einging. Von einem Tag auf den anderen galt das bisherige Bretton-Woods-System für aufgehoben. Der Grundstein für das heutige Handels- sowie Finanzsystem wurde gelegt.

Mit der Aufhebung des nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführten Währungssystems Bretton-Woods, das den US-Dollar zur führenden Währung erklärte, wurde die Goldbindung des US-Dollars aufgehoben. Mit der Aufhebung dieser Bindung, wurde die Grundlage geschaffen, dass sich Staaten bis ins Unendliche verschulden konnten. Aufgrund der Finanzstärke der USA blieb der US-Dollar dennoch die führenden Währung auf dem Weltmarkt, auch ohne ein festes Abkommen.

Die USA begannen sich massiv zu verschulden, vor allem zur Finanzierung des Vietnamkriegs. Um diese Ausgaben zu decken, gaben sie Staatsanleihen aus, die von anderen Ländern gekauft wurden. Diese Anleihen gelten als sichere Anlage, da die USA als kreditwürdig anerkannt sind. Die Käufer erhalten regelmäßige Zinszahlungen und am Ende der Laufzeit die ursprüngliche Leihgabe zurück.

Die USA als Weltmacht

Dieses System funktioniert jedoch nur so lange, wie der US-Dollar eine sichere Währung bleibt. Sinkt der Wert des Dollars, werden auch die Zinsen wertlos. Das System hat jedoch noch einen anderen Haken für die USA: abgesehen davon, dass die USA sich sehr stark verschulden, hat es dazu geführt, dass die industrielle Produktion immer weiter abgewandert ist. Durch den stärkeren Handelsverkehr importierten die USA immer mehr Waren und begannen eigene Industriestandorte abzubauen.

Trotz ihrer Stärke auf dem Finanzmarkt haben die USA mit einer Deindustrialisierung zu kämpfen. Diese versucht Donald Trump mit dem Verhängen von Zöllen rückgängig zu machen, um somit die inländische Wirtschaft wieder anzukurbeln. Auf der anderen Seite versucht Trump andere Staaten durch die Zölle zu Verhandlungen zu zwingen, um so für die US-Exporte eine Senkung der Abgaben erzielen zu können.

Verhandlungen werden jetzt augenscheinlich Fahrt aufnehmen, so reiste die italienische Regierungschefin Meloni ins Weiße Haus, um dort das Gespräch über ein mögliches Handelsabkommen zwischen der EU und der USA vorzubesprechen. Trumps Plan geht also auf. Dass er in dieser Frage als erste Meloni empfängt, sollte nun auch nicht mehr überraschen. Trump hat in der Vergangenheit bereits sehr genau seine engen Vertrauten in Europa ausfindig gemacht.

Die Welt befindet sich im Wandel und die Interessen der Staaten wie auch der Konzerne treten immer offener zutage. Der Zollkrieg ist keine reine Schlammschlacht und Trump hat auch nicht den Verstand verloren, er ist sich ziemlich bewusst, was er da tut: Verwirrung stiften, Grenzen austesten, den Einfluss seiner Entscheidungen auf Volkswirtschaften rund um die Welt unter Beweis stellen und nicht zuletzt die eigene Finanzmacht, insbesondere vor China, zu sichern.

Ein Streit, bei dem sich alle einig sind

„Neuordnung der Welt“, „Ende der NATO“, „Jahrhundertbruch“ – Seit der Münchener Sicherheitskonferenz und spätestens seit dem letzten Freitag und dem Streit zwischen dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj und dem neuen US-Präsidenten Trump sprühen die Schlagzeile nur so über vor geopolitischen Superlativen. Die neue US-Regierung scheint die NATO in ihrer bisher größten Krise gestürzt zu haben. Der voraussichtlich neue Bundeskanzler Merz stellt sogar infrage, ob man beim nächsten Treffen des seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert bestehenden mächtigsten Militärbündnis der Welt überhaupt noch von der NATO in ihrer jetzigen Form reden könne.

Und tatsächlich steht das Bündnis vor entscheidenden Veränderungen und Umstrukturierungen, allerdings scheinen sich dabei die vermeintlichen Streitparteien, allem Getöse und Türenschlagen, zum Trotz vor allem eines zu sein: einig.

Seit Jahren schon, nicht erst seit der ersten Amtszeit von Trump und auch nicht nur als er das erste Mal als „mächtigster Mann der Welt“ amtierte, fordern die USA die restlichen NATO-Länder auf, ihre eigenen Militärausgaben massiv zu erhöhen. Dies änderte sich auch in der Zwischenzeit, mit Joe Biden im weißen Haus nicht großartig, wurde nur vielleicht, mit weniger Geschrei und Gezeter, den europäischen „Partnern“, wie es so schön heißt, vermittelt. Und die hielten sich dran, die Militärausgaben im Rest der NATO stiegen gerade in der Amtszeit von Biden rasant an. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine war da für viele eine passende Gelegenheit, Projekte wie die „Zeitenwende“ umzusetzen, die zuvor undenkbar gewesen waren, aber dann doch erstaunlich schnell aus der Schublade gezaubert wurden.

Viel war seitdem darüber zu hören, Europa müsse „mehr tun“, gerade Deutschland müsse eine „Führungsrolle“ in Europa einnehmen und dafür aufrüsten. Eine Position, auf die Deutschland seit Jahren politisch und wirtschaftlich, aber auch militärisch schielt. Nichts anderes waren die Initiativen für eine eigene EU-Armee, der Versuch das Einstimmigkeitsprinzip bei wichtigen Fragen in der EU abzuschaffen, wie es schon die „Stiftung Sicherheit und Politik“, ein auf den BND zurückgehenden Thinktank, 2013 in einem Strategiepapier mit dem Titel „Neue Macht – Neue Verantwortung“1 fordert. Deutschland müsse zudem in eine Lage gebracht werden, „auch militärische Gewalt anzuwenden oder zumindest glaubwürdig damit drohen zu können“. Auch konkrete Schritte wie die kaum beachtete Unterstellung der gesamten niederländischen Armee unter deutsches Kommando2 waren Schritte in genau diese Richtung.

Andere Länder in Europa haben große Teile des eigenen Militärgeräts in die Ukraine verbracht, Wehrdienste wieder eingeführt, und und und. Und dennoch scheint es nicht zu reichen. Drei Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sind die Zweifel groß in Europa. In vielen Ländern gibt es offenen oder weniger offenen Widerspruch gegen den Aufrüstungs- und Konfrontationskurs, ob es Proteste gegen die wirtschaftlichen Folgen sind, oder gar der Aufstieg von Parteien verschiedener Spektren, die sich dem Narrativ von Russland als den einen alleinigen Aggressor nicht unterordnen. Viele europäische Länder haben die eigenen, oder von der NATO und den USA vorgegebenen Ziele aus dem einen oder anderen Grund nicht erreicht, vor allem aber wegen der Stimmung im eigenen Land, die ein komplettes Umschwenken auf Kriegswirtschaft, Wehrpflicht und allem, was dazu gehört, unmöglich gemacht hat.

Was kommt da besser gelegen als der große Knall, das Horror-Szenario plötzlich allein dazustehen, zwischen zwei vermeintlich Verrückten. Der große Eklat vor laufenden Kameras, sei es in München oder Washington, der Moment, wo sich Merz, Pistorius und Kieseweter endlich als die Retter in der Not darstellen können und endlich die unbequemen, Forderungen der USA nach Hunderten Milliarden Kriegsausgaben, der Einführung der Wehrpflicht und was sonst noch alles in Windeseile durchsetzen können.

Es wird zu grundlegenden Veränderungen in der NATO kommen, keine Frage. Die USA werden sich aus Europa zurückziehen, wie sie es seit der außenpolitischen Fokussierung auf Asien unter dem Titel „Pivot to Asia“ nicht durch Trump, sondern den Demokraten Obama mehr oder weniger offen seit 15 Jahren angekündigt haben.
Doch befindet sich darüber niemand in Regierungsfunktion außerhalb von Schlagzeilen tatsächlich in einem Streit. Die Regierungen Deutschlands, aber auch Frankreichs und Großbritanniens sind politisch seit langem bereit und willens, diese Rolle bewusst zu übernehmen.

In diesem Sinne ist auch die Perspektive einer Kampfpause in der Ukraine, unter welchen Bedingungen auch immer, sowohl im geopolitischen Interesse Europas als auch der USA. Die USA bekommen die Möglichkeit, sich aus Europa herauszuziehen, ohne aus dem fahrenden Auto springen zu müssen. Und Europa bekommt die Möglichkeit, sich in wenigen Jahren kriegsbereit zu machen und bis zum Ende des Jahrzehnts im rüstungspolitischen Vollrausch auf die Konfrontation mit Russland zuzurasen. Denn die ist mit einem voraussichtlich zumindest halbgaren Abkommen in der Ukraine vorprogrammiert. Nicht ohne Grund spricht Kriegsminister Pistorius seit geraumer Zeit von dem Termin 2029, bis zu dem Deutschland kriegstüchtig werden müsse.3

Auch wenn sie bald nicht mehr im Amt sein wird, beschreibt Annalena Baerbock schon klar den Weg, den Deutschland jetzt mit den letzten Entscheidungen einschlägt: Deutschland müsse „europäisch und national“ handeln und innerhalb der EU „Führung übernehmen“. Konkret bedeutet das Sondervermögen Hunderte Milliarden für Rheinmetall, Musterung, Wehrpflicht und Sozialstaatsabbau. Bis 2029 erwarten uns sicher noch ein paar weitere scheinbar unerwartete Jahrhundertbrüche, Eklats und Weckrufe.

  1. https://www.swp-berlin.org/publications/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SWP_GMF_2013.pdf ↩︎
  2. https://www.tagesspiegel.de/politik/auf-dem-weg-zur-verteidigungsunion-gesamte-truppe-der-niederlande-soll-in-die-bundeswehr-eingebunden-werden-9294005.html ↩︎
  3. https://zoes-bund.de/publikationen/gruenbuch-zmz/ ↩︎

Angriffe auf Rojava – Nach den Wahlen ist vor dem Krieg

Es kam, was kommen musste. Vor knapp einem Monat wurde Erdoğan erneut zum Präsidenten der Türkei gewählt. Gut eine Woche später, seit dem 7. Juni, nimmt die militärische Eskalation der Türkei gegen die Selbstverwaltung in Nordsyrien nun wieder zu. Die militärischen Angriffe auf der einen, aber auch die geopolitische Lage in und um Syrien auf der anderen Seite, könnten die Selbstverwaltung einmal mehr existenziell gefährden. 

Nicht nur in der Türkei hatten Millionen von Menschen darauf gehofft, dass Erdoğan als Staatsoberhaupt abgelöst werden würde. Auch im angrenzenden Ausland, besonders in Rojava, sehnten sich die Menschen nach einem Politikwechsel in Ankara. Auch wenn mit Kemal Kılıçdaroğlu nie eine linke, progressive Alternative zum faschistischen Erdoğan zur Wahl stand, gab es quer durchs linke Spektrum die Hoffnung, es könne einen politischen Kurswechsel geben. Nicht unbedingt dahingehend, dass es einen neuen politischen und gesellschaftlichen Diskurs um die sogenannte Kurdenfrage in der Türkei gebe. Aber zumindest hinsichtlich einer Entschärfung der militärischen Eskalation der Türkei gegen Rojava und Kurdistan. Spätestens seit dem 28. Mai hat der in der Türkei vorherrschende islamistische Nationalismus diese Hoffnung ausradiert. 

Zur aktuellen Situation in Rojava 

Seit dem 7. Juni eskaliert Erdoğan erneut seinen Krieg gegen Rojava. Diese Eskalation fand am Dienstag, den 20. Juni, bis dato ihren traurigen Höhepunkt. Mit einer Kampfdrohne wurden Yusra Derwêş, Lîman Şiwêş und Firat Tuma ermordet – zwei Politikerinnen und deren Fahrer. Yusra Derwêş war die Ko-Vorsitzende des Kantons Qamişlo, Lîman Şiwêş ihre Vertreterin. Die Türkei tötet weiterhin ziviles Personal der Selbstverwaltung und versucht so, diese zu destabilisieren. Insgesamt sind innerhalb der letzten Woche 17 Menschen durch türkische Angriffe getötet worden. In Tel Rifat wurde außerdem ein Krankenhaus von Granaten beschossen. Die Angriffe mit Kampfdrohnen, Artillerie und Granaten richten sich vor allem gegen die Regionen Minbic, Efrîn, Şehba und Qamişlo und wurden sowohl aus der Luft, aus der Türkei als auch aus den türkisch-besetzten Regionen in Rojava durchgeführt. Die Selbstverwaltung hat sich bereits an die internationale Anti-IS-Koalition, Russland sowie das Regime in Damaskus gewandt, damit diese intervenieren. Die stark erhöhten militärischen Aktivitäten der Türkei betreffen übrigens nicht nur Rojava: auch in Başûr, Südkurdistan, nehmen seit einigen Tagen die Angriffe auf die Medya-Verteidigungsgebiete der Gerîla weiter zu. 

Um die Intensität dieses Krieges zu verstehen, ist es wichtig, genauer auf die Bedeutung der gezielten Tötungen von zivilem Personal einzugehen. Seit Beginn der Angriffe der Türkei auf Nord- und Ostsyrien werden immer wieder nicht-militärische Ziele angegriffen. Ein Beispiel ist der Fall von Hevrîn Xelef: Die Politikerin wurde im Zuge der Invasion im Oktober 2019 von islamistischen Banden gezielt ermordet. Die Türkei zielt absichtlich auf Politiker:innen und Mitglieder der Selbstverwaltung mit jahrelanger Erfahrung. Die Angriffe finden nicht auf Landstraßen außerhalb der Städte statt, sondern oftmals direkt in Wohnvierteln. Aufgrund des basisdemokratischen Systems in Rojava besteht eine starke Nähe und Verbundenheit zwischen Politiker:innen und der Zivilbevölkerung. Yusra Derwêş und Lîman Şiwêş waren trotz ihres wichtigen politischen Amtes in die Bevölkerung eingebunden. Die Botschaft der Türkei an die Bevölkerung ist durch die Tötungen unmissverständlich: Sobald man sich mit den Strukturen der Selbstverwaltung einlässt, läuft man Gefahr, selbst Opfer eines türkischen Angriffes zu werden. Die psychische Belastung einer solchen Kriegstaktik ist nur schwer auszuhalten und nur mit Terrorismus vergleichbar. Die Türkei versucht so systematisch das Vertrauen der Bevölkerung in die Selbstverwaltung zu untergraben, unabhängig davon, wie diese eigentlich zur Selbstverwaltung steht oder wie zufrieden sie mit der politischen und sozialen Lage ist. 

Zudem ist es wichtig, sich die in Rojava vorherrschenden gesellschaftlichen und infrastrukturellen Verhältnisse anzuschauen, auf die diese Angriffe treffen. Nämlich auf eine Gesellschaft, die nach vielen Jahren des Krieges von der internationalen Gemeinschaft weitestgehend isoliert ist. Die Selbstverwaltung erhält von staatlicher Ebene quasi keine Hilfsmittel zum Wiederaufbau ziviler Infrastruktur, geschweige denn medizinische oder hygienische Unterstützung. Die Menschen in Rojava sind vor allem auf sich selbst, sowie auf Hilfe linker NGOs angewiesen. Während für Menschen in der westlichen Hemisphäre das Erdbeben in der Türkei und Rojava vom Februar nicht mehr als eine Tragödie der Vergangenheit ist, sind dessen Folgen für die Menschen vor Ort noch immer bittere Realität. 

Geopolitik als entscheidender Faktor

Bereits seit Jahren bewegt sich Rojava in einem Spannungsfeld geopolitischer Großmächte, die vor allem in Syrien versuchen, ihre Interessen durchzusetzen – nicht selten zulasten der Selbstverwaltung. 

Am 21. Juni fand in der Hauptstadt Kasachstans das sogenannte Astana-Treffen zwischen außenpolitischen Vertretern der Türkei, Syrien, Russland und dem Iran statt. Vertreter der Selbstverwaltung waren nicht eingeladen. Bereits das ist ein Erfolg für Russland, denn dessen Außenpolitiker bemühen sich seit Sommer letzten Jahres um eine Verständigung zwischen Ankara und Damaskus. Auch wenn die Ergebnisse dieses Treffens noch nicht öffentlich sind (und wahrscheinlich auch nie sein werden), ist anzunehmen, dass es dabei um die Zukunft Syriens nach den Vorstellungen der vier Regierungen ging. Was das konkret für die Selbstverwaltung bedeutet, ist noch nicht abzusehen. 

Generell scheint die Selbstverwaltung aus Sicht Russlands, Syriens und Irans derzeit keine Priorität zu haben. Das zeigen die militärischen Entwicklungen: Bei einem türkischen Angriff wurde ein russischer Soldat getötet, drei wurden verletzt. Eine Reaktion aus Moskau dazu gab es nicht. Das Desinteresse lässt sich vermutlich mit der schwierigen Situation des russischen Militärs in der Ukraine erklären. Dass Russland in Syrien derzeit weniger engagiert ist, hat wiederum weitreichende Folgen: Russland ist die Schutzmacht des syrischen Machthabers Assad. Mit schwindendem russischen Einfluss fehlt es dem Regime an politischer und militärischer Stärke. Nur so lässt es sich erklären, dass ein Aufschrei Assads Richtung Ankara ausblieb, als zuletzt auch fünf syrische Soldaten bei einem türkischen Luftangriff getötet wurden. Und das, obwohl aus Damaskus offiziell die Forderung kommt, die Türkei solle sich von syrischem Territorium (und damit sind die türkisch-besetzten Gebiete in Rojava gemeint) zurückziehen. Assads derzeitige Priorität, die mit dem Erdbeben vom Februar bereits begonnen hat, ist sich aus der internationalen Isolation zu befreien. Dabei ist er auch erfolgreich. Die Wiederaufnahme Syriens in die arabische Liga kann darunter verbucht werden, wäre aber auch ohne das Zutun des Irans, dessen Einfluss in Syrien weiter zunimmt, wohl nie möglich gewesen.

Die Rolle der „feministischen Außenpolitik“

Die Rolle der Ampel-Regierung in dem Konflikt kann als die Kontinuität ihrer Heuchelei gewertet werden. Die „feministische Außenpolitik“ die weiterhin so vollmundig propagiert wird, ist auch in der Frage Kurdistans nichts weiter als ein viel zu kleines Feigenblatt, das davon ablenken soll, wie ungebrochen die Waffenbrüderschaft Deutschlands mit Despoten aus aller Welt ist. Das einzige Ziel scheint zu sein, den eigenen Wählerinnen und Wählern ein gutes Gewissen zu machen. Noch vor wenigen Monaten war der Slogan der kurdishcen Freiheitsbewegung „Jin, Jîyan, Azadî“, das beliebteste Fotomotiv im politischen Berlin – gerade bei den Grünen. Geht es aber um den tatsächlichen Krieg, den die Türkei gegen genau die Frauenbewegung führt, die diesen Slogan geprägt hat, sind sie unverändert still. Dass es sich dabei nicht um Desintresse sondern eine bewusste Unterstützung handelt, zeigt nicht zuletzt auch ein Foto, das das Auswärtige Amt am Tag nach dem Mord an Yusra Derwês und Lîman Şiwêş auf Twitter veröffentlichte: Annalena Baerbock und ihr neuer türkischer Amtskollege Hakan Fidan in trauter Einheit.

„Mehr als ein Kennenlernen: mit ihrem neuen türkischen Amtskollegen @HakanFidan sprach @ABaerbock heute u. a. über die türkischen Bemühungen zur Verlängerung der #BSGI, die Lage in Nordsyrien & den #NATO-Beitritt Schwedens. Beide wollen das Gespräch bald in Berlin fortsetzen.“ heißt es da. Anscheinend wurde also auch die Lage in Nordsyrien explizit besprochen. Hakan Fidan ist dabei aber kein einfacher Parteigänger, der sich zum Außenminister hochgeschlängelt hat. Als Chef des türkischen Geheimdienstes war er nicht nur für der Lieferung von Waffen an den IS verantwortlich, sondern auch für den Mord an drei kurdischen Aktivistinnen in Paris 2013, unzählige gezielte Tötungen in ganz Kurdistan und auch für die Verfolgung von Oppositionellen hierzulande. „Mehr als ein Kennenlernen“ also, durch das der türkische Einfluss mit Sicherheit auch auf die deutschen Verfolgungsbehörden weiter steigen wird. Auch wenn der Bundestag mittlerweile den Genozid am ezidischen Volk durch den IS anerkannt hat erreicht die moralische Verwerfung grüner Politiker:innen somit eine neue Qualität. Sich mit einer Person zu treffen, die noch enger mit dem IS verbunden ist, wäre wohl nur durch ein Handshake mit al-Qurashī, dem jetzigen IS-Chef persönlich, möglich.

Armenien: Nach Europa mit dem Messer an der Kehle

Was auf den ersten Blick klingt, wie das Ende der Feindseligkeiten nach drei Jahrzehnten Kriegszustand zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken ist jedoch bei genauerem Hinsehen die Fortsetzung der aserbaidschanischen Aggression und dem Jahrelangen schweigen der internationalen Gemeinschaft gegenüber der Kriegstreiberei aus Baku.

Für wenige Tage gab es sie, die Aufregung über den Exodus von zunächst Zehntausenden, später über Hunderttausend Armenierinnen und Armeniern in Folge der aserbaidschanischen Militäroffensive auf die international nicht anerkannte Republik Arzach. Appelle an Armenien, die Geflüchteten aufzunehmen, sowie die absurde Forderung aus Deutschland von Außenpolitikern der Ampel-Franktionen Aserbaidschan sei dafür verantwortlich den Vertriebenen eine Rückkehr und Sicherheit zu garantieren. Dass dies niemals die Absicht der Diktatur in Baku gewesen ist, ist kein Geheimnis, und ist nicht erst jetzt nachträglich festzustellen. Der Krieg von 2020 war dafür ein Beleg, genauso wie die symbolträchtige Umbenennungen der Hauptstraße von Stepanakert, der Hauptstadt der Republik Arzach nach der Eroberung. Enver-Pascha-Straße sollte sie zukünftig heißen, benannt nach dem Organisator der Genozids am armenischen Volk 1915/16 bei dem über anderthalb Millionen Menschen ermordet und ein vielfaches dessen vertrieben wurden.

Aserbaidschan sieht sich in dieser Tradition und sie versuchen es nichteinmal zu verstecken.

Doch auch nach dem Krieg im September war es keinesfalls beendet. Sogleich forderten Politiker in Aserbaidschan sich jetzt auch noch den Sangesur Korridor einzuverleiben, also den Südteil Armeniens, der Aserbaidschan von dessen Enklave Nackchivan trennt. Eine Eroberung dieses Korridors wäre der Schritt, der Aserbaidschan vereint, und damit einen nationalistischen Traum wahr werden lässt, und zugleich eine direkte Verbindung zwischen Baku und dem türkischen Staatsgebiet herstellt. Ein symbolischer und strategischer Paukenschlag für die Achse Baku-Ankara, die seit Jahren die Zusammenarbeit unter dem Slogan „Eine Nation – zwei Staaten“ verstärkt,

Die Drohungen gingen also weiter, genauso wie die militärischen Aktivitäten. Noch im Januar wurden bei einem Angriff auf armenische Grenzstellungen sogar Soldaten getötet.

Der vermeintliche Umschwung kam dann ausgerechnet nach der Münchner Sicherheitskonferenz. Der aserbaidschanische Präsident Alijew, der sich noch zuvor noch mit 92 % hatte wieder“wählen“ lassen traf dort auf seinen armenischen Amtskollegen Pashinyan, der seit der Zerschlagung Bergkarabachs, sowie seiner passiven Haltung dazu, selbst im eigenen Land schwer angeschlagen ist. Am Rande der Konferenz soll dann der Legende nach Olaf Scholz selbst mit den Beiden die Friedensverhandlungen ausgemacht haben, Ort dafür: Berlin.

Seit dem legt Armenien auf der internationalen Bühne einen selten gesehenen Sprint in Richtung Westen hin, erst kündigt es die Mitgliedschaft in der CSTO (Collective Security Treaty Organization), einem Sicherheitsabkommen mit Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken auf, dann hebt es Visabeschränkungen für europäische Länder auf, und erwägt nach Aussagen des Außenministers Ararat Mirzoyan zufolge sogar sich auf eine EU-Mitgliedschaft zu bewerben.

Woher plötzlich das Umsinnen nach Europa? EU-Politiker:innen und ihre Anhänger:innen werden auf diese Frage mit Sicherheit irgendeine Mischung aus Menschenrechten und Demokratie antworten. Fakt ist aber, dass Armenien keine andere Wahl bleibt, wenn es nicht einen weiteren Genozid und Annexion von Staatsgebiet durch das eng mit der EU und NATO befreundete Aserbaidschan riskieren will. Fallengelassen durch den historischen Verbündeten Russland wäre dies der Todesstoß für einen, auf einen Bruchteil des ursprünglichen armenischen Siedlungsgebietes gestutzten armenischen Staat.

Die Rolle Europas ist dabei ganz einfach die des lachenden dritten, neben der weiteren Ausbreitung des europäisch-transatlantischen Einflussgebiets auf dem Kaukasus, öffnet sich damit die Route für aserbaidschanisches Öl und Gas, über die Türkei nach Europa wie von selbst, Öl und Gas, nach dem Europa seit dem Beginn des Ukraine-Krieges in aller Welt sucht.

Wie diese Route durch den Sangesur letztendlich geöffnet werden kann, dafür hat die Türkei, deren völkermörderische Vergangenheit gegenüber dem armenischen Volk bereits oben angesprochen wurde, auch schon Ideen parat. In Gesprächen diese Woche, an denen Armenien nicht einmal teilnahm oder Mitsprache hatte, schlug diese vor, dem Südteil Armeniens einen „speziellen rechtlichen Status“ zu verpassen, dieser würde vermutlich die armenische Kontrolle über ihr eigenes, völkerrechtliche anerkanntes Staatsgebiet untergraben und der Türkei und Aserbaidschan besondere Rechte einräumen.

Auch der Besuch von NATO-Chef Stoltenberg auf dem Kaukasus ab dem 17. März wird in diese Richtung mit Sicherheit neue Entwicklungen bringen. Armenien wird dabei den kürzeren ziehen und an Selbstbestimmung einbüßen. Europa und der Westen allerdings, können sich als Friedensbringer in der Region präsentieren, dass dabei die guten Freunde und Diktatoren aus Baku und Ankara ein Messer auf Armenien richten und dessen Westannäherung sichern, kommt da nur gelegen.

Nord Stream – Ein Musterbeispiel von Berichterstattung in Kriegszeiten

Die Sprengung der Nord Stream Pipelines führte zu einer Vielzahl von Spekulationen und mittlerweile zwei sich gegenüberstehenden Theorien wer es gewesen sein könnte. Auch die neuesten Veröffentlichungen bieten keinen Aufschluss und sind kein Teil eines Wahrheitsfindungsprozesses, sondern auch Teil eines Kampfes um die öffentliche Meinung.

Die Sprengung der Nord Stream-Pipelines in der Nacht zum 26. September letzten Jahres war wohl eines der wichtigsten Ereignisse im Rahmen des Krieges in der Ukraine, das sich selbst nicht auf dem ukrainischen Staatsgebiet abgespielt hat. Schon vor Beginn des Krieges war die neu gebaute Pipeline Nord Stream 2 von vielen Seiten umstritten, Umweltverbände und Klimagerechtigkeitsbewegung kritisierten den Bau wegen dem Ausbau fossiler Infrastruktur, Andere Kritisierten den Bau wegen der zunehmenden Abhängigkeit von Russland und die Grünen vermischten mal wieder beides und spielten mit beiden Karten. Doch so klar wie niemand anderes sprachen sich die USA gegen den Bau und die Inbetriebnahme aus. Vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 sagte US-Präsident Biden noch, sollte dieser Fall eintreffen, werde es kein Nord Stream mehr geben, welche Mittel er genau dafür einsetzen werde sagte er allerdings nicht.

Und trotz dieser umfassenden Debatten war die Debatte nach den Detonationen und der recht schnellen Eindeutigkeit, dass es sich bei den Explosionen um gezielte Sprengungen gehandelt hat, darüber wer dahinter steckt recht schnell vorbei, als ob diese Pipelines, über die so intensiv und lange diskutiert wurde doch nicht so relevant sei. Und schnell hatten sich alle von CDU bis linksliberale insgeheim ohne einen wirklichen Beweis oder ein Motiv darauf geeinigt, dass es ja sicher Putin gewesen sein müsste. Aus dem ZDF-Satiremagazin Heute Show hört man damals: „Nord Stream 1 und 2 wurden an vier Stellen kaputtgemacht. Aber bitte keine Vorverurteilungen! Bei diesem Fall sind noch jede Menge Fragen ungeklärt. Zum Beispiel, welche Nation dahintersteckt oder wie genau die russischen Kampftaucher das gemacht haben.“

Erst Anfang Februar kam das Thema wieder auf die Agenda, als der Investigativ-Journalist Seymour Hersh einen Bericht vorlegte, in dem er unter Berufung auf eine Quelle im US-Militär beschreibt wie dieses, in Zusammenarbeit mit dem NATO-Partner Norwegen die Sprengungen im Herbst 2021 vorbereitete und schließlich durchführte. Hersh, der dutzende Enthüllungen im Laufe seiner Karriere ans Licht brachte, war bei westlichen Medien schnell unten durch und wird heute nur noch mit dem Adjektiv „umstritten“ benannt, wenn nicht sogar wie es das ZDF am 6. März tat als „Ehemligen Starjournalisten, der aber heute eher als Blogger mit Verschwörungstheorien unterwegs ist“ bezeichnet. Während sich also mit seinem Bericht kaum auseinandergesetzt wurde und eher er selbst, als der Bericht angegriffen wurde, war es erst der 6. März, der erneut das Thema der Täterschaft aufmachte. 

Angeblich hätten deutsche Behörden eine Spur in die Ukraine gefunden, wobei auch dabei die bis dato veröffentlichten Ermittlungsergebnisse eher mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten. Eine Gruppe von 6 Personen habe in Rostock eine Segelyacht bestiegen, die von einer polnischen Firma mit ukrainischen Besitzern angemietet worden sei. Die Yacht sei mit dem Sprengstoff beladen worden und schließlich ausgelaufen, um den Sprengstoff durch die beiden Taucher an Bord an den Pipelines anbringen zu lassen. Die Personen sollen Teil einer pro-ukrainischen Gruppe sein und bei der Anmietung des Bootes gefälschte bulgarische Pässe vorgelegt haben. An Bord dieser Yacht sollen bei einer Durchsuchung im Januar schließlich Spuren von Sprengstoff gefunden worden sein. 

Dass diese Version ihre Lücken hat, wurde schon kurz nachdem sie zum ersten mal präsentiert wurde angemerkt, so war ein Hafen, in dem laut der Recherche die Yacht halt gemacht haben soll, gar nicht tief genug, dass das Boot dort hätte einfahren können. Eine Verwechslung, so die Erklärung später. Doch auch die Geschichte an sich hat ihre Probleme. Kurz nach der Sprengung waren sich alle Expert*innen sicher, es müsse sich um einen staatlichen Akteur gehandelt haben, private Personen hätten nicht die Fähigkeiten eine solche Aktion durchzuführen. Und jetzt soll es doch eine nicht näher definierte „pro-ukrainische Gruppe“ sein, die aber, so wenig man auch weiß, sicher nichts mit der ukrainischen Regierung zu tun habe. Auch wie eine solche Gruppe von deutschen Behörden in der aktuellen angespannten politischen Situation und der Angst um die kritische Infrastruktur, unbehelligt mit mehreren Hundert Kilogramm Sprengstoff in den Hafen in Rostock fahren konnte und ihn dort auf eine Yacht verladen konnte, lässt zumindest stutzen.

Wer genau hinter den Explosionen steckt, wird noch lange Thema von Spekulationen bleiben, wenn es überhaupt je zu einem eindeutigen Ergebnis der verschiedenen Ermittlungen kommen sollte. Doch allein der Umgang mit den verschiedenen Berichten lässt tief blicken, was Berichterstattung und öffentlichen Diskurs angeht. 

Die Reaktion auf den Bericht von Seymour Hersh war von Anfang an, noch bevor sich Lücken in seinem Bericht auftaten, eine Diffamierungskampagne in seine Richtung, die ihn selbst angegriffen hat. Aufschluss darüber liefert zum Beispiel auch ein Blick auf seinen Wikipedia Artikel. Heute gibt es bei ihm ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Zunehmend kritisch beurteilte Untersuchungen“, unter dem seine Arbeiten der letzten Jahre aufgeführt werden, ganz nach dem bereits oben genannten Narrativ von „heute eher Blogger mit Verschwörungstheorien“. Tatsächlich ist dieses Kapitel auf seiner Wikipediaseite aber erst Anfang März aufgemacht worden. Zuvor waren die Arbeiten, die er nach 2011 veröffentlichte wie alle anderen auch präsentiert worden.

Zugleich wurden aber die Berichte über die Ermittlungen deutscher Behörden als Bare Münze genommen und selbst als Ungereimtheiten aufgezeigt wurden verteidigt und davon spekuliert, dass es ja auch sein könne, dass es sich um eine geschickte False-Flag Aktion gehandelt habe, ohne, dass es dafür irgendwelche Anhaltspunkte gegeben habe.

Und dies ist kein Muster, dass nur hierzulande zu beobachten ist. Auch in Russland ist die Auseinandersetzung über die Täterschaft der Sprengungen ähnlich geführt worden, nur war es hier der Bericht von Hersh, der sofort bestätigt und durch die Medien gejagt wurde.

Der Öffentlichkeit muss in Kriegszeiten, mehr noch, als in Friedenszeiten bewusst sein welchen Stellenwert Medien und Berichterstattung haben. Staatliche Maßnahmen, Gesetzesvorhaben, konkrete Beschlüsse außenpolitisches Handeln etc. muss immer von bestimmten Erzählungen unterfüttert werden. Dies muss nicht bedeuten, dass alle Berichterstattung vom Staat kontrolliert wird, es kann auch bedeuten, dass sich nicht staatliche und staatliche Stellen in einem bestimmten Narrativ gegenseitig unterstützen. Und dass es diese nichtstaatlichen Stellen zuhauf gibt zeigt sich auch an der massiven medialen Kampagne für die Kriegsindustie in der diese immer mehr Geld fordert um ihre Produktionsfähigkeiten anzuheben. Auch ist Nord Stream nur ein Beispiel dafür unter vielen, allein im Kontext von Militär und Krieg gibt es eine ganze Reihe von Themen die mit diesem kritischen Blick betrachtet werden müssen, sei es das Narrativ, dass die Bundeswehr so schlecht ausgestattet sei und deshalb unbedingt 100 Milliarden Euro brauche, oder das Narrativ, dass die jeweils andere Kriegspartei kurz vor dem Kollaps stünde und ein vielfaches mehr an Toten und Verletzten zu beklagen habe, während von der anderen Seite das genaue Gegenteil behauptet wird, was auch einfach durchzusetzen ist, weil niemand die genauen Zahlen an Menschenleben kennt die zwischen Kriegsgerät zerrieben werden.

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