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Vom Wohnzimmer ins Schlachtfeld: Militarisierung als Motor männlicher Gewalt

Häusliche Gewalt und Femizide in Deutschland

Weltweit wird alle zehn Minuten eine Frau von ihrem (Ex)Partner oder einem Familienmitglied ermordet. Ende November veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine Statistik über häusliche Gewalt für das Jahr 2024. Die Zahlen sind ein weiteres Jahr in Folge auf einem Rekordhoch. Unter häuslicher Gewalt zählen alle gemeldeten Delikte. Also Partnerschaftsgewalt, wovon hauptsächlich Frauen betroffen sind und Männer zu Tätern werden, und innerfamiliäre Gewalt, die Gewalt zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Angehörigen meint. Die Initiative Femizide Stoppen zählt im Jahr 2025 bisher 98 Femizide, also Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Im Artikel „Ni una menos – keine mehr!„gehen wir vertieft darauf ein, was Femizide sind, ihre Ursachen und auf die Rolle des Staates und der patriarchalen Gewalt in Kriegen. Am Ende dieses Artikels werden wir dies an dem Genozid in Gaza aufzeigen.

Militarisiserung: Wie Gewalt gesellschaftsfähig wird

2025 ist das Jahr mit den meisten Kriegen und bewaffneten Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Militarisierung bedeutet, dass das Militär die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dominiert. Es wird sich auf Krieg vorbereitet. Militarismus ist eine Ideologie, Politik und Praxis, die die Rolle des Militärs und anderer bewaffneter Akteure in der Gesellschaft aufwertet, indem sie sie als „Beschützer“ inszeniert, die für die Schaffung einer vermeintlichen Form von Sicherheit verantwortlich ist.

Krieg bedeutet Gewalt. Um die Gesellschaft an Krieg zu gewöhnen, muss sie an Gewalt gewöhnt werden. Aggression und Gewalt werden als Mittel zur Lösung von Konflikten propagiert. Das Militär ist eine Organisation, deren Aufgabe darin besteht, die überwiegend männlichen Soldaten auf das Töten und Sterben vorzubereiten.

Der „ideale Soldat“ und die Abwertung von Frauen

Gleichzeitig verstärkt Militarisierung immer auch patriarchale Geschlechterrollen: Männer werden darauf vorbereitet, im Krieg zu kämpfen, während Frauen darauf vorbereitet werden, zu Hause zu bleiben, die Versorgung zu organisieren und die nächste Generation von Soldaten zu erziehen. Bereits in den 1980ern etablierten Wissenschaftler:innen eine theoretische Verbindung zwischen Militarisierung und der patriarchalen Ordnung. Diese sind demnach eng verwoben und verstärken sich gegenseitig.

Feminist:innen sprechen seit einer Weile von einer sogenannten militarisierten Männlichkeit. Das bedeutet, dass im Militär eine extreme Form von Männlichkeit verkörpert wird, in der Form des „idealen Soldaten“, der die Identität des Staates verkörpern soll. Sie dient nicht nur dazu, den Soldaten als Symbolfigur für den Staat zu konstruieren, sondern auch der Legitimierung militärischer Macht und Gewalt.

Zentral ist dabei das hierarchisierte Konzept einer militarisierten Männlichkeit, die kalt, dominant und aggressiv ist, und einer passiven, schutzbedürftigen Weiblichkeit. Alle, die dem Ideal des militarisierten Mannes widersprechen, werden zum Feindbild. Um auf der einen Seite das Gefühl von Gemeinschaft zu stärken und auf der anderen Seite Machtstrukturen und Kontrolle untereinander durchzusetzen, wird die Logik von Unterdrückungsformen wie Sexismus, Rassismus und Homophobie gefördert. Ganz nach der Logik von „wir“ gegen „sie“.

Die militarisierte Männlichkeit beruht auch auf der Annahme, dass Frauen im Krieg schlichtweg abwesend bzw. irrelevant seien, obwohl gerade diese Institutionen auf der unsichtbaren Arbeit von Frauen beruhen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Militarisierung immer einen Anstieg von Gewalt gegen Frauen bedeutet hat. Militarisierung bestärkt eine klare Trennung von öffentlich und privat, Konflikt und Frieden, männlicher Gewalt und weiblicher Opferrolle.

Waffen statt Leben: Staatshaushalte im Zeichen der Aufrüstung

Am Beispiel der USA, Russlands, Chinas, aber auch von Deutschland, kann man sehen, dass hochgerüstete Staaten einen großen Teil ihres Staatshaushalts für das Militär ausgeben, während die Ausgaben für Soziales, Bildung und Gesundheit verhältnismäßig sehr niedrig sind und weiterhin sinken. Im März setzte die bereits abgewählte Ampelregierung eine Grundgesetzänderung durch, womit ein weiteres 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen beschlossen wurde. Wobei die Mehrheit des Sondervermögens in Aufrüstung fließen soll. Nach dem Motto „survival of the fittest“ werden alte, kranke und behinderte Menschen benachteiligt.

Staatsgewalt und Gewalt im Privaten

Außerdem besteht auch eine sehr direkte Verbindung darin, dass Polizisten und Soldaten, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum oft Gewalt gegen Frauen ausüben. Ihr Status als Staatsdiener erschwert die Verfolgung ihrer Taten: Beamte bekommen oft verhältnismäßig niedrige Strafen, wenn sie denn angezeigt werden. In den USA zeigen mehrere Studien, dass die Rate sexueller Übergriffe durch Polizisten mehr als doppelt so hoch ist wie in der Allgemeinbevölkerung. Aktuell zählt die deutsche Polizei 270.000 Beschäftigte. Bei der Bundeswehr sind momentan über 180.000 Soldat:innen angestellt. Bei beiden Institutionen überwiegt der Männeranteil deutlich und beide sollen in den nächsten Jahren personell massiv aufgestockt werden. Die Anzahl der Soldat:innen soll sich laut Bundesregierung bis 2035 fast verdoppeln.

In Deutschland ermordeten 2025 mehrere Polizisten ihre (Ex-)Partnerinnen: Im April erschoss ein Polizist in Klettbach (Thüringen) seine Frau und ihre zwei gemeinsamen Kinder. Im Mai erschoss ein anderer Polizist aus Freiburg (Baden-Württemberg) ebenfalls seine Ex-Partnerin. In beiden Bundesländern ist es Polizist:innen erlaubt, ihre Dienstwaffe mit nach Hause zu nehmen.

Im Februar dieses Jahres, wurde außerdem der ehemalige Bundeswehrsoldat Florian G. zu lebenslanger Haft verurteilt. Anfang März 2024 ermordete er den Partner seiner Ex-Frau, deren Mutter, ihre beste Freundin und ihre 3-jährige Tochter. Der 33-Jährige ging mit 17 zur Bundeswehr und sagte selbst aus, er habe „fast sein halbes Leben lang gelernt Gewalt zu perfektionieren“.

Kriegstraumatisierte Soldaten stellen eine extrem gefährliche Gruppe dar, wenn es um die Sicherheit von Frauen geht. Häusliche Gewalt, Alkoholismus und auch die Suizidrate nehmen während und nach Kriegen deutlich zu.

Zu der zunehmenden Militarisierung von Staaten gehört natürlich auch die Verbreitung von Waffen und deren Einsatz, und sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für geschlechtsspezifische Gewalt. Männer nutzen Waffen zur Durchsetzung ihrer Macht und nutzen sie, um Gewalt gegen Frauen auszuüben. Studien belegen, dass die Anwesenheit von Waffen patriarchale Gewalt tödlicher macht: Statistiken zeigen, dass das Risiko, Opfer eines Femizids zu werden, für Frauen fünfmal höher ist, wenn eine Schusswaffe im Spiel ist.

Männlichkeit als Rekrutierungsstrategie

Im Dezember 2025 beschloss die Bundesregierung die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Damit werden ab jetzt alle Männer ab Jahrgang 2008 zu einer Musterung verpflichtet. Für den Fall, dass sich dadurch nicht genügend „Freiwillige“ finden, können junge Männer zwangsrekrutiert werden. Durch die Befragung werden außerdem Daten über alle potenziellen Soldat:innen gesammelt, die im Kriegsfall zusätzlich noch eingezogen werden können. In Zeiten von zunehmenden wirtschaftlichen Krisen, Inflation, sinkenden Löhnen und stetig steigender Armut, kommt die Frage auf, inwiefern man überhaupt von Freiwilligkeit sprechen kann. Denn wer sich bei der Bundeswehr verpflichtet, genießt etliche Privilegien.

Durch zunehmende Schulbesuche von sogenannten Jugendoffizieren, eigene Social-Media-Kampagnen wie „70 Gründe für die Bundeswehr“ und Werbung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, ist es kaum möglich, der dauerhaften Militärwerbung auszuweichen. Parallel dazu haben Internet-Trends wie „Alpha Männer“-Content extreme Auswirkungen auf vor allem jugendliche und junge Männer. Oft beginnt es mit Sport- oder Motivationsvideos auf Instagram oder TikTok über Videos über Männlichkeit und den Zusammenhalt von Männern. Die Spitze des Eisbergs sind Videos, in denen Frauen für die „Schwäche“ und Probleme der Männer verantwortlich gemacht werden. Frauen werden als böse, heimtückisch und manipulativ dargestellt und gleichzeitig objektifiziert. Die einzige Lösung, um mit ihnen umzugehen, wird darin gesehen, sie zu beherrschen.

Die Studien zeigen, dass einer von zehn Jungs im Alter von elf bis vierzehn Jahren, in der ersten Minute, in der er online geht, bereits auf diese Art von Inhalten trifft. Bei dem Rest geschieht es spätestens nach einer halben Stunde. Und das geschieht unabhängig von Algorithmen: Fast 70 % der jungen Männer geben an, dass ihnen dieser Content ungefragt vorgeschlagen wird. Noch mehr junge Männer geben an, dass das Konsumieren von diesen Inhalten Auswirkungen auf ihr Männlichkeitsbild hat.

Militär und Polizei profitieren enorm von diesen Inhalten und der sich dadurch verstärkenden patriarchalen Männlichkeit. Dass mehr junge Männer zum Militär gehen, ist zugleich Ursache und Folge dieser Entwicklung. Das spielt natürlich allen in die Hände, die von Krieg profitieren, und deshalb machen sie alle die gleiche Werbung, wenn auch mit anderem Anstrich. Während offen rechte Politiker der AfD mit knallharten Männlichkeitsbildern und stumpfem Sexismus junge Männer zum Kriegsdienst mobilisieren wollen, wirbt die Bundeswehr mit gleichen Gehältern für Männer und Frauen und Diversität. Ganz nach dem Motto „Weil wir auch queerfeldein marschieren“, dem Dritten der 70 eingangs erwähnten „Gründe für die Bundeswehr“.

Gaza: Krieg, Besatzung und Gewalt gegen Frauen

Seit den 1990er Jahren erkennen die Vereinten Nationen sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe an. An keinem Ort wird so deutlich, was Krieg für die Frauen bedeutet, wie in Gaza. Nicht nur eine extrem hohe Zahl an ermordeten Frauen prägt den Alltag, sondern auch sexualisierte Übergriffe, systematische Demütigung und Folter und die bewusste Zerstörung von Infrastruktur durch die israelische Armee.

Eine Geburtshelferin in Gaza vergleicht die Umstände des Gebärens von Frauen in Gaza mit dem Mittelalter: Es gibt nicht ausreichend medizinisches Personal, keine Vor- und Nachsorge, grundlegende Geburtshilfematerialien sowie Medikamente fehlen. Fast alle Krankenhäuser und Geburtskliniken wurden durch die IDF zerstört. Muttersterblichkeit, Tot- und Fehlgeburten haben drastisch zugenommen. Seit dem 7. Oktober 2023 gibt es einen Anstieg von Fehlgeburten um 300 Prozent. Das Wasser wird immer knapper: Der fehlende Zugang zu Wasser für Hygiene, zum Wäschewaschen sowie bei der Menstruation führt zur Ausbreitung von Krankheiten sowie zu vaginalen und Harnwegsinfektionen bei Frauen und Mädchen. Diese können wiederum zu Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit oder sogar zum Tod führen. Hinzu kommt, dass Hunger zur Folge hat, dass Mütter teilweise keine Muttermilch produzieren können. Nährstoffmangel behindert das Wachstum des Körpers und des Gehirns von Kindern.

Körper und Sexualität von Frauen werden oft vor allem in Kriegen mit der Würde einer Nation bzw. einer Gesellschaft gleichgesetzt, weshalb ihre Unterwerfung und Demütigung die ganze Gesellschaft schwächt. Zeug:innen berichten auch von geschlechtsspezifischer Gewalt während der Bodenoperationen der IDF, wie dem erzwungenen öffentlichen Entblößen, dem Abnehmen von Kopftüchern in der Öffentlichkeit, invasiven und demütigenden Durchsuchungen, Drohungen und dem verbalen und körperlichen Missbrauch von Frauen. Frauen, die in israelischen Gefängnissen, oft ohne Anklage oder Gerichtsprozess, inhaftiert waren, berichten von Drohungen, übergriffigen Leibesvisitationen, ungewolltem Fotografieren bis hin zu Folter und Vergewaltigungen.

Der Genozid durch die israelische Armee zielt auf die physische Vernichtung der Palästinenser:innen ab. Zwei Drittel der bisher identifizierten Toten Palästinenser:innen sind Frauen, Kinder und Alte.

Abschluss

Seit ein paar Jahren wird über den Antifeminismus gesprochen, der weltweit stärker wird. Dabei geht es dann meistens um die AfD oder die MAGA-Bewegung in den USA, manchmal vielleicht auch noch um die dahinterliegenden Netzwerke von neuen Rechten und Evangelikalen. Sie und die milliardenschweren Geldgeber im Hintergrund sind aber nur ein Teil des Puzzles. Ein Puzzle, bei dem fast alle Teile in verschiedenen Braun- und Grüntönen gehalten sind. Das Bild, das sich daraus ergibt, erfährt meistens deutlich weniger Aufmerksamkeit als die rechten Stichwortgeber. Es ist ein Bild, in dem Männlichkeitsbilder eine Voraussetzung für Krieg sind und Krieg mit allem, was damit einhergeht, radikalere Männlichkeitsbilder erzeugt. Alles auf dem Rücken von Frauen, denen dabei Unterordnung, Reproduktion und Demütigung zuteil werden. So zumindest ist es auch in den aktuellen Krisengebieten, von der Ukraine, über Palästina bis in den Sudan, der Fall.

Kriegstüchtig? Nein danke – Interview mit „Schulstreik gegen Wehrpflicht“

SsgW: Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe. Ein Grund ist, dass es wichtig ist, dass junge Menschen sich dagegen einsetzen, dass diese Regierung bestimmen wird, wie sie im Zweifel ein halbes Jahr, oder auch ein Jahr ihres Lebens zu verbringen haben. Und die Regierung sagt: „Naja, ihr müsst eben in Kasernen, ihr sollt militärischen Drill erfahren, ihr sollt lernen, im Zweifel auf andere Menschen zu schießen und das im Interesse dieses Staates“. Dagegen lohnt es sich schon an sich, sich einzusetzen. 

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir sagen: Es werden diese Menschen sein, also der Jahrgang 2008, oder die Geschwister von diesen Leuten, die als erstes gemustert werden und im Zweifel als erstes eingezogen werden. Und diese Leute haben eben gerade kein anderes Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, um laut zu werden, um tatsächlich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als in den Schulen zu streiken.

Ein weiterer Aspekt, warum das an den Schulen besonders wichtig ist, ist, dass man dort ganz direkt merkt, dass die Interessen von jungen Menschen dieser Regierung wirklich einfach egal sind. Ich habe das selbst erlebt. Meine Schule hatte im Winter keine Heizung, im Sommer haben Leute bei 40 Grad im Klassenzimmer gesessen. Es fehlen zehntausende Lehrkräfte und die jungen Menschen haben immer mehr Zukunftsängste, sitzen in der Schule und sollen sich dann für diese Regierung im Zweifel mit ihrem Leben einsetzen. Das wird so nicht funktionieren und das lehnen wir ab. Und darum alleine lohnt es sich schon, am 5.12. für seine eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

SsgW: Wir glauben, dass es wichtig ist, ganz klar zu machen, dass das tatsächlich nur der erste Schritt hin zu einer Wehrpflicht ist. Das wird ja jetzt, während Sie gerade schon dieses Gesetz zur Musterung durchbringen, ganz klar in den Medien von CDU, CSU, aber auch SPD-Vertretern so besprochen. Da wird dann gesagt: „Naja, wir versuchen das jetzt mal mit Freiwilligkeit. Wir setzen auch noch ein paar Anreize, ein paar Euros mehr, einen Führerschein. Aber wenn das nicht reicht, dann machen wir eben den Zwang“. Es wurde ja jetzt bereits schon kritisiert, dass dieses Gesetz zu lasch sei. Das heißt, wir betrachten das als den ersten Schritt hin zur Wiederaktivierung der Wehrpflicht.

Und ich glaube, das leitet sich auch einfach daraus ab, dass gesagt wird, „wir wollen kriegstüchtig sein“. Das soll im Jahr 2029, 2030 soweit sein. 

Gleichzeitig sagt zum Beispiel der Bund der deutschen Reservisten: „Wenn ein Krieg gegen Russland ist, sterben 5000 Soldaten am Tag. Das wird sich so nicht ausgehen“. Das ist eine Rechnung, die ganz deutlich so gemacht wird.

Und darum glauben wir, dass man sich da nicht verarschen lassen und das einfach nur so hinnehmen darf als eine nette, abgemilderte Form, sondern eben als einen ersten Schritt hin zur Reaktivierung.

SsgW: Es gibt sehr zwiegespaltene Reaktionen auf die Streiks. Einige Lehrkräfte und Schulleitungen unterstützen das im Rahmen des Möglichen, die sagen, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler nicht bestrafen werden.

Die sagen im Zweifel sogar, dass sie vielleicht mitmachen werden. Das begrüßen wir und freuen uns darüber, wenn die sagen: „Unsere Schülerinnen sind eben die, die im Zweifel in den Krieg müssen. Und wir setzen uns an ihrer Seite dafür ein, dass das eben nicht passiert.“

Es gibt aber auch den Gegenfall. Ich kann das am Göttinger Beispiel ein bisschen deutlich machen. Wir hatten Fälle in denen Leute gesagt haben, wir unterstützen die Sache, wir versuchen sogar vielleicht selbst zu streiken. Aber eben auch Fälle, dass Schulleitungen Plakate immer wieder abnehmen, dass sie versuchen, Schülerinnen und Schüler ganz explizit anzusprechen, wenn sie flyern, wenn sie Plakate aufhängen und ihnen damit quasi versuchen auszureden, das zu tun oder sie sogar versuchen einzuschüchtern, indem sie Konsequenzen androhen und sagen: „Wenn du streikst, werden wir das aufschreiben. Wenn du Leute dazu anstiftest, ist das ein riesiges Problem. Das darf man gar nicht in der Schule zu solchen Streiks aufrufen, etc.“

Wir haben aber auch erlebt, dass versucht wurde, zum Beispiel SV-Treffen (Schüler:innenvertetungen) zu verhindern, die sich in Solidarität mit dem Streik äußern wollen. In solchen Fällen versuchen wir, das aufzufangen, versuchen, das bekannt zu machen und versuchen auch gerade den Aktiven, die von solchen Einschüchterungen betroffen sind, Mut zu machen und zu sagen, wenn du zu solchen Treffen mit Lehrern, mit Schulleitungen musst, dann geh da nicht alleine hin. Diese Bewegung steht hinter dir und wir lassen uns da nicht einschüchtern.

Wir wissen, dass das ein gezielter Regelbruch ist und das wollen wir auch so machen. Wir brauchen da im Zweifel nicht die Zustimmung. Und es ist super, wenn wir da unterstützt werden. Wenn nicht, werden wir das ohne sie tun. Und das muss klar sein.

SSgW: So wie wir das bisher wahrgenommen haben, auch in Umfragen, die zum Beispiel für die Mobilisierung des Streiks gemacht werden, ist ein Großteil der jungen Menschen an den Schulen auch gegen die Wehrpflicht und ist bereit, sich dagegen einzusetzen. Ich glaube, es gibt schon auch in jeder Schule, wahrscheinlich sogar in jeder Klasse, Menschen, die diesen Lügen oder diesen Anbiederungsversuchen gerade auf den Leim gehen. Das hat ganz verschiedene Gründe.

Ich glaube, einige fallen tatsächlich einfach auf dieses Narrativ rein, es wäre was Gutes, sich für diese Regierung mit der Waffe in der Hand einzusetzen oder glauben, die Bundeswehr wäre ein ganz normaler Arbeitgeber, wo man so ein Abenteuer erleben kann. Dann versuchen wir eben auch ganz klar aufzuzeigen, dass das nicht so ist.

Es gibt unfassbar viele Missbrauchsvorfälle in der Bundeswehr. Das Ziel da ist, dich eben auch zu brechen und den militärischen Drill einzufüttern. Und dass es kein normaler Arbeitgeber ist und eben auch ganz besonders kein Abenteuerurlaub, sondern ein Ort, wo du eben lernen sollst, im Zweifel für diesen Staat zu sterben und andere Menschen für ihn zu töten. Eine andere Sache, die glaube ich sehr wohl verfängt, sind diese materiellen Anreize. Das bedeutet, wenn du gerade in einer Oberstufe sitzt und ganz klar ist, du findest erstmal keine gute Ausbildung, du findest erstmal keinen guten Job und du möchtest eben nicht für ein paar Euro in der Stunde irgendwo einen Scheißjob machen, dann sind diese tausenden Euros, die du beim Bund für das erste Ausbildungsjahr bekommst, schon ein sehr großer Anreiz. Da fallen Leute eben darauf rein, dass sie da mitmachen werden.

Und da versuchen wir eben in die Diskussion zu gehen, und zu fragen, ist das wirklich dieses Geld wert? Ist es wirklich deine Zukunft wert, da jetzt quasi deine Seele an den Bund zu verkaufen, blöd gesagt? Du kommst ja auch ganz schwer aus diesen Verträgen wieder raus. Und da versuchen wir natürlich nicht, den Leuten zu sagen, du, du, du, das ist jetzt ganz böse, sondern eben zu erklären, das ist im Zweifel nicht nur gegen deine eigenen Interessen, sondern eben auch gegen die Interessen deiner Mitschülerinnen und Mitschüler – Fall da bitte nicht drauf rein.

SSgW: Ja, ich glaube, das ist leider sehr wahrscheinlich, dass das so passieren wird. Es muss ganz klar sein, dass der 5.12. nicht das Ende dieser Bewegung sein darf, sondern dass das der Anfang ist. Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, dass die Menschen in den Schulen, in denen es jetzt erste Aktivitäten gab, aktiv bleiben. Dass sie in den Städten aktiv bleiben und dass man sich auf weitere Aktionen vorbereitet und weiter dieser Regierung deutlich macht: Wenn ihr das abstimmt gegen den Willen der jungen Menschen, gegen ihre Interessen, dann könnt ihr euch darauf einstellen, dass wir genauso weitermachen. Dass wir dagegen kämpfen werden und dass wir auch Wege finden werden, wenn das dann eingeführt wir. Und das eben ganz besonders mit dem Fokus auf die Jahrgänge, die das auch betrifft.

Ein Streit, bei dem sich alle einig sind

„Neuordnung der Welt“, „Ende der NATO“, „Jahrhundertbruch“ – Seit der Münchener Sicherheitskonferenz und spätestens seit dem letzten Freitag und dem Streit zwischen dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj und dem neuen US-Präsidenten Trump sprühen die Schlagzeile nur so über vor geopolitischen Superlativen. Die neue US-Regierung scheint die NATO in ihrer bisher größten Krise gestürzt zu haben. Der voraussichtlich neue Bundeskanzler Merz stellt sogar infrage, ob man beim nächsten Treffen des seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert bestehenden mächtigsten Militärbündnis der Welt überhaupt noch von der NATO in ihrer jetzigen Form reden könne.

Und tatsächlich steht das Bündnis vor entscheidenden Veränderungen und Umstrukturierungen, allerdings scheinen sich dabei die vermeintlichen Streitparteien, allem Getöse und Türenschlagen, zum Trotz vor allem eines zu sein: einig.

Seit Jahren schon, nicht erst seit der ersten Amtszeit von Trump und auch nicht nur als er das erste Mal als „mächtigster Mann der Welt“ amtierte, fordern die USA die restlichen NATO-Länder auf, ihre eigenen Militärausgaben massiv zu erhöhen. Dies änderte sich auch in der Zwischenzeit, mit Joe Biden im weißen Haus nicht großartig, wurde nur vielleicht, mit weniger Geschrei und Gezeter, den europäischen „Partnern“, wie es so schön heißt, vermittelt. Und die hielten sich dran, die Militärausgaben im Rest der NATO stiegen gerade in der Amtszeit von Biden rasant an. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine war da für viele eine passende Gelegenheit, Projekte wie die „Zeitenwende“ umzusetzen, die zuvor undenkbar gewesen waren, aber dann doch erstaunlich schnell aus der Schublade gezaubert wurden.

Viel war seitdem darüber zu hören, Europa müsse „mehr tun“, gerade Deutschland müsse eine „Führungsrolle“ in Europa einnehmen und dafür aufrüsten. Eine Position, auf die Deutschland seit Jahren politisch und wirtschaftlich, aber auch militärisch schielt. Nichts anderes waren die Initiativen für eine eigene EU-Armee, der Versuch das Einstimmigkeitsprinzip bei wichtigen Fragen in der EU abzuschaffen, wie es schon die „Stiftung Sicherheit und Politik“, ein auf den BND zurückgehenden Thinktank, 2013 in einem Strategiepapier mit dem Titel „Neue Macht – Neue Verantwortung“1 fordert. Deutschland müsse zudem in eine Lage gebracht werden, „auch militärische Gewalt anzuwenden oder zumindest glaubwürdig damit drohen zu können“. Auch konkrete Schritte wie die kaum beachtete Unterstellung der gesamten niederländischen Armee unter deutsches Kommando2 waren Schritte in genau diese Richtung.

Andere Länder in Europa haben große Teile des eigenen Militärgeräts in die Ukraine verbracht, Wehrdienste wieder eingeführt, und und und. Und dennoch scheint es nicht zu reichen. Drei Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sind die Zweifel groß in Europa. In vielen Ländern gibt es offenen oder weniger offenen Widerspruch gegen den Aufrüstungs- und Konfrontationskurs, ob es Proteste gegen die wirtschaftlichen Folgen sind, oder gar der Aufstieg von Parteien verschiedener Spektren, die sich dem Narrativ von Russland als den einen alleinigen Aggressor nicht unterordnen. Viele europäische Länder haben die eigenen, oder von der NATO und den USA vorgegebenen Ziele aus dem einen oder anderen Grund nicht erreicht, vor allem aber wegen der Stimmung im eigenen Land, die ein komplettes Umschwenken auf Kriegswirtschaft, Wehrpflicht und allem, was dazu gehört, unmöglich gemacht hat.

Was kommt da besser gelegen als der große Knall, das Horror-Szenario plötzlich allein dazustehen, zwischen zwei vermeintlich Verrückten. Der große Eklat vor laufenden Kameras, sei es in München oder Washington, der Moment, wo sich Merz, Pistorius und Kieseweter endlich als die Retter in der Not darstellen können und endlich die unbequemen, Forderungen der USA nach Hunderten Milliarden Kriegsausgaben, der Einführung der Wehrpflicht und was sonst noch alles in Windeseile durchsetzen können.

Es wird zu grundlegenden Veränderungen in der NATO kommen, keine Frage. Die USA werden sich aus Europa zurückziehen, wie sie es seit der außenpolitischen Fokussierung auf Asien unter dem Titel „Pivot to Asia“ nicht durch Trump, sondern den Demokraten Obama mehr oder weniger offen seit 15 Jahren angekündigt haben.
Doch befindet sich darüber niemand in Regierungsfunktion außerhalb von Schlagzeilen tatsächlich in einem Streit. Die Regierungen Deutschlands, aber auch Frankreichs und Großbritanniens sind politisch seit langem bereit und willens, diese Rolle bewusst zu übernehmen.

In diesem Sinne ist auch die Perspektive einer Kampfpause in der Ukraine, unter welchen Bedingungen auch immer, sowohl im geopolitischen Interesse Europas als auch der USA. Die USA bekommen die Möglichkeit, sich aus Europa herauszuziehen, ohne aus dem fahrenden Auto springen zu müssen. Und Europa bekommt die Möglichkeit, sich in wenigen Jahren kriegsbereit zu machen und bis zum Ende des Jahrzehnts im rüstungspolitischen Vollrausch auf die Konfrontation mit Russland zuzurasen. Denn die ist mit einem voraussichtlich zumindest halbgaren Abkommen in der Ukraine vorprogrammiert. Nicht ohne Grund spricht Kriegsminister Pistorius seit geraumer Zeit von dem Termin 2029, bis zu dem Deutschland kriegstüchtig werden müsse.3

Auch wenn sie bald nicht mehr im Amt sein wird, beschreibt Annalena Baerbock schon klar den Weg, den Deutschland jetzt mit den letzten Entscheidungen einschlägt: Deutschland müsse „europäisch und national“ handeln und innerhalb der EU „Führung übernehmen“. Konkret bedeutet das Sondervermögen Hunderte Milliarden für Rheinmetall, Musterung, Wehrpflicht und Sozialstaatsabbau. Bis 2029 erwarten uns sicher noch ein paar weitere scheinbar unerwartete Jahrhundertbrüche, Eklats und Weckrufe.

  1. https://www.swp-berlin.org/publications/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SWP_GMF_2013.pdf ↩︎
  2. https://www.tagesspiegel.de/politik/auf-dem-weg-zur-verteidigungsunion-gesamte-truppe-der-niederlande-soll-in-die-bundeswehr-eingebunden-werden-9294005.html ↩︎
  3. https://zoes-bund.de/publikationen/gruenbuch-zmz/ ↩︎

Donaustahl – Autonome Killerdrohnen aus Deutschland?

Erst im vergangenen Juli wurden die ersten größeren Medienhäuser auch außerhalb der Waffenszene auf Donaustahl aufmerksam. Der Auslöser: ein kurzer, aber weitreichender Tweet des Unternehmens: „Das Bundeswirtschaftsministerium hat der Donaustahl GmbH […] die Genehmigung zur Herstellung und Ausfuhr der Adaptive Loitering Munition Platform (ALMP) ‚MAUS‘ erteilt“

Es ist das erste Mal, dass ein deutsches Unternehmen die Erlaubnis erteilt bekommt, Kamikaze-Drohnen, die beim Einsatz in ihr Ziel fliegen und sich selbst in die Luft jagen, in die Ukraine zu liefern.

Drohnen sind eins der zentralen Kampfmittel im Krieg in der Ukraine und Russland geworden. Die beiden Länder liefern sich seit Beginn des Krieges einen steten Wettlauf um immer neuere Technologien und Gegentechnologien. Der Grund dafür liegt dabei auf der Hand: die Möglichkeit, gegnerische Einheiten aus einer Entfernung von mehreren Kilometern ohne Gefahr für die eigenen Soldaten zielgerichtet anzugreifen und zu zerstören, bietet für beide Seiten der Front einen massiven Vorteil.

Die Neuentwicklungen, die in diesem Bereich das Licht der Welt erblickt haben, veränderten in den letzten Jahren die Realität auf dem Schlachtfeld nach Einschätzung so gut wie aller Militärexpert:innen grundlegend.

Die Drohnen haben in Kreisen der Kriegsbegeisterten Kultstatus erlangt. Videos von Einsätzen der Drohnen sind mittlerweile fester Bestandteil der Kriegsberichterstattung. Kaum eine Person hat noch kein Video gesehen, in der eine Drohne entweder eine Granate auf eine Gruppe Soldaten oder einen Panzer wirft, oder im Kamikaze-Modus in selbige reinfliegt und explodiert. Die Drohne ist vom Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken.

Dass über kurz oder lang auch die deutsche Rüstungsbranche von diesem aufstrebenden Teil der Kriegsführung profitieren will, war nur eine Frage der Zeit. Donaustahl Gründer und Chef Stefan Thumann, der sich auf Twitter als „Nationalprogressiver bayerischer Stammtisch-General“ bezeichnet, ist jedenfalls mächtig stolz auf den Auftrag. Dazu trägt auch der Empfänger der ersten Drohnenlieferung bei. Die Eliteeinheit „Kraken“, die direkt dem ukrainischen Geheimdienst untersteht, gilt als die effizienteste Drohneneinheit der ukrainischen Armee.

Automatisierte Zielerkennung

Während in den Artikeln zur Ausfuhrgenehmigung ausführlich über Thumann und sein Unternehmen berichtet wurde, kommt ein Aspekt des Unternehmens auffälligerweise nicht zur Sprache.

Donaustahl arbeitet aktiv am Einsatz von Künstlicher Intelligenz in ihren Drohnen. Videos auf dem Twitteraccount und interne Dokumente, aus denen Donaustahl stolz auf Twitter berichtet, zeigen Details der Software mit dem Namen „Vulture“, zu Deutsch „Geier“. „Autonome Steuerung – Automatische Zielerkennung – Menschliche Entscheidung – autonomer Zielanflug“, heißt es dort. Die Videos zeigen, wie dies aussehen könnte, ihre Echtheit und wo sie aufgenommen wurden, können wir nicht verifizieren.

Sie zeigen die Sicht einer Drohne, wie diese mit Thermalkamera offensichtlich auf einem Schlachtfeld unterwegs ist. Eine Gruppe von Personen kommt ins Sichtfeld der Drohne, die Software erkennt, dass es sich dabei um Menschen handelt, jede Person wird mit einem roten Rechteck mit der Aufschrift „person“ markiert, die Drohne nimmt die Gruppe ins Visier und steuert auf sie zu. Im letzten Moment sieht man noch, wie die Arme einer der Personen nach oben gehen, als wolle sie die Drohne abwehren. Das Video bricht ab, die nächste Szene desselben Schemas startet, nur dieses Mal mit einem Panzer im Visier.

Tests in der Ukraine auch schon vor Ausfuhrgenehmigung?

Ob es sich bei den Videos um Tests handelt oder um tatsächliche Einsätze der „Maus“ und der Software „Vulture“, lässt sich allein durch diese Videos nicht feststellen. Doch sie sollen ohne Frage so wirken, als sei Donaustahl dabei, die Ukraine mit Drohnen auszustatten, die in der Lage sind, Ziele selbst zu erfassen und diese auf menschliche Zuruf auszuschalten.

Laut Thumann waren die „Maus“-Drohnen schon vor Monaten in der Ukraine in einer ausführlichen „Testphase“, bevor die Ausfuhrgenehmigung durch das Bundeswirtschaftsministerium erteilt wurde. Ob dabei auch „Vulture“ zum Einsatz kam, ist unklar.

Ohne Frage öffnet das deutsche Unternehmen mit der Software aber ein Feld, das seit Jahren von vielen Seiten mit unruhigem Blick verfolgt wird: Autonome Waffensysteme, die selbst über Leben und Tod entscheiden können.

Während Thumann betont, dass die menschliche Komponente zentral sei in der Entscheidung ein Ziel zu zerstören, stellt sich die Frage unweigerlich, ob in der Kette „Autonome Steuerung – Automatische Zielerkennung – Menschliche Entscheidung – autonomer Zielanflug“ die menschliche Entscheidung in Zukunft nicht auch durch eine KI ersetzt werden könnte.

Ähnliche Fragen waren schon bei der Aufdeckung des sogenannten Lavender-Programms der israelischen Armee aufgekommen, das potenzielle Ziele mithilfe von KI aufdecken sollte und Zielempfehlungen erstellen sollte.

Schon damals sprach die NGO „Stop Killer Robots“ davon, dass solche Programme „Menschen zu Datenpunkten komprimieren und schwere Bedenken im Zusammenhang mit dem internationalen humanitären Recht, Verstößen gegen die Menschenwürde und digitaler Entmenschlichung aufwerfen“.

Schon jetzt ist die Distanz zwischen Drohnenoperator und Drohnenziel ein Faktor, der das Töten im Krieg zu einem indirekteren und unpersönlichen Akt macht. Die Videos, die sich in einschlägigen Telegramgruppen oder auch auf Twitter finden, von Drohneneinsätzen gegen feindliche Soldaten, die zeigen, wie diese durch die Explosionen Gliedmaßen verlieren, regungslos liegenbleiben oder in einer Wolke Staub nach der Explosion verschwinden, unterlegt mit Technomusik, zeigen schon jetzt, wie weit die Entmenschlichung auf dem Schlachtfeld vorangeschritten ist. Wenn in Zukunft nicht einmal mehr ein Mensch über diesen Tod entschiedet, sondern die Drohne selbst, ist das Zeitalter des anonymen Tötens endgültig angebrochen.

Bombardements in Nord- und Ost-Syrien: Ziel ist die Zivil­bevölkerung

Seit Jahren terrorisiert die Türkei mit gezielten Drohnenschlägen die Selbstverwaltung von Nord- und Ost-Syrien und tötet dabei vor allem Vertreter:innen und Aktivist:innen der basisdemokratischen Strukturen oder Mitglieder der Selbstverteidigungseinheiten.
Da sich die Bevölkerung davon nicht vom revolutionären Aufbau trennen und abbringen lässt, ist zu beobachten, dass die jetzige Offensive vorrangig zivile Infrastruktur, also die Lebensgrundlage der Menschen zerstört.

Seit heute Morgen wurde das Gaskraftwerk in Swediye mehrfach bombardiert. Damit ist die gesamte Region Cizîrê, in der rund 2 Millionen Menschen leben, ohne Strom. Die 5 zentralen Volkskrankenhäuser in den Großstädten Derik, Qamişlo, Amûdê, Hesekê und Şedadê, 15 Spezialkliniken wie die Herz- und Augenklinik in Qamişlo und 35 ländliche Gesundheitszentren sind davon betroffen. Nur vereinzelt gibt es für wenige Stunden Strom von Generatoren.

Da der Strom aus Swediye auch die Wasserwerke der Region versorgt hatte, sind die 2 Millionen Menschen auch von der Wasserversorgung abgeschnitten. In Swediye wurden bisher täglich 13.000 Gasflaschen befüllt, die die Menschen zum Kochen brauchen. Auch dies ist nicht mehr möglich, wodurch sich die Nahrungssituation bald ebenfalls verschlechtern wird.

Achtmal wurde Swediye bisher bombardiert – gezielt, mit zeitlichen Abständen, um die Feuerwehr am Anrücken zu hindern.

Das gesamte Ausmaß ist schwer zu erfassen, da die Angriffe ununterbrochen weitergehen. Nachrichtenagenturen vor Ort sprechen von mindestens fünf Umspannwerken, sieben Ölförderungsanlagen, zwei Trinkwasserpumpstationen und einem Staudamm, die allein gestern bombardiert wurden. Ein Coronakrankenhaus nahe Derik wurde vollständig zerstört.

Seit 12 Jahren herrschte in Syrien Bürgerkrieg, wobei immer wieder solche Anlagen der Energie- und Wasserversorgung vom syrischen Regime, dem IS oder dem türkischen Staat zerstört wurden. Die Bevölkerung gibt seit der Befreiung von Nord- und Ost-Syrien alles, um trotz des umfassenden Embargos der USA und EU, diese lebensnotwendigen Strukturen wieder aufzubauen. Die Gasanlage in Swediye wurde zum Beispiel erst im November letzten Jahres von der Türkei zerstört und mühselig wieder aufgebaut.

Türkische Medien feiern diese Kriegsverbrechen als erfolgreiche Aktionen gegen die „Finanzquellen des Terrors“. Da sich die Gesellschaft nicht vom permanenten Druck einschüchtern lässt und das kriegsversehrte Land auf demokratische Weise wieder aufbaut, versucht die faschistische Propaganda diese Zerstörung der Lebensgrundlage und auch direkte Angriffe auf die Bevölkerung wie auf das Stadtzentrum von Qamişlo als legitime Mittel umzudeuten. Im Fernsehen wird auch erneut über eine mögliche Bodeninvasion diskutiert. Zuletzt wurden insgesamt sechs getötete Zivilist:innen und sechs getötete Sicherheitskräfte gezählt. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher.

Die aktuelle Fokussierung auf zivile Einrichtungen kann als verzweifelter Akt der Zerstörung gedeutet werden, mit dem der türkische Faschismus die Hoffnung und den Willen der Gesellschaft endgültig brechen will. Der Staat versucht, vor allem Gebiete nahe der Grenze zu entvölkern, um weitere Besetzungen vorzubereiten. Die gesamten befreiten Gebiete sollen durch diesen Terror des NATO-Mitglieds destabilisiert werden, um auch islamistischen Kräften wie dem IS Handlungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Wir in Deutschland dürfen nicht vergessen, dass diese völkerrechtswidrigen Angriffe nur durch die Unterstützung der BRD möglich sind. Als NATO-Mitglied wurde die türkische Armee zur zweitgrößten des Bündnisses hochgezogen, nicht zuletzt mit Waffen aus deutscher Produktion. So stammen beispielsweise die Kameras der Drohnen, mit denen Nord- und Ost-Syrien gerade ferngesteuert bombardiert wird, aus deutscher Produktion. Durch den „Flüchtlingsdeal“ zahlt die EU Milliarden, damit Geflüchtete unter unmenschlichen Bedingungen in der Türkei festgehalten werden. Doch auch die Ampel-Regierung pflegt enge Beziehungen zum türkischen Regime, weshalb die sogenannte „feministische Außenpolitik“ Annalena Baerbocks zu den Angriffen schweigt. Daher gab bisher es von Seiten der öffentlich-rechtlichen Medien keinerlei Berichterstattung. Es liegt an allen ehrlichen, solidarischen Menschen und Organisationen, auf diese brutalen Angriffe gegen die Revolution und alle Menschen in Nord- und Ost-Syrien und die Mittäterschaft des selbsternannten „Wertebündnisses“ NATO aufmerksam zu machen.

Staaten und Massaker – Ein Kommentar aus der Redaktion zur aktuellen Situation

Ohne jede Frage wird der 7. Oktober 2023 in die Geschichte eingehen, als ein Tag, der mit nur wenigen vergleichbar ist. Nach massivem Raketenbeschuss auf Israel drangen Kämpfer, unter der Federführung der Hamas, auf israelisches Territorium vor. In den ersten Stunden nahmen sie Dutzende Siedlungen, Dörfer und Kibbuzim ein und überrannten nicht nur Militärposten der IDF, sondern begingen auch an der Zivilbevölkerung maßlose Gräueltaten. Es wird von Vergewaltigungen und Morden an ganzen Familien berichtet, die vor den Angreifern flüchteten. Und auch die Verschleppungen von bis zu 250 Personen aus ihren Häusern nach Gaza, sowie das brutale Massaker an Hunderten Feiernden bei einem Musikfestival durch die Hamas bestimmten in den ersten Tagen die Nachrichten. Es gab beinahe pausenlos Raketenalarm und selbst in Tel Aviv, wo das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome am besten ausgebaut ist, kam es zu direkten Einschlägen von Raketen der Hamas. Medien berichten davon, dass es in Israel kaum jemanden gäbe, der niemanden kennt, der von den Angriffen direkt betroffen ist. Etwa 1000 Zivilist:innen sollen den Angriffen auf Israel bereits zum Opfer gefallen sein. Zehntausende haben während der Angriffe und der Reaktionen der IDF das Umland des Gazastreifens verlassen. Genauso im Norden des Landes, wo die israelische Armee ein militärisches Sperrgebiet entlang der Grenze zum Libanon eingerichtet hat. Auch dort schwelt die Gewalt seit Tagen. Von allen Seiten wird spekuliert, ob und wenn ja wie, die Hisbollah aus dem Libanon in den Konflikt einsteigt.

Auf der anderen Seite des Zaunes um Gaza, dessen Überwindung von der Hamas und der lokalen Bevölkerung zu größten Teilen als Befreiungsschlag gesehen wurde, kam die Reaktion der israelischen Armee direkt und nicht weniger verheerend. Noch am Tag der Angriffe auf Israel, verstärkt aber nach der Rückeroberung der Ortschaften außerhalb des Gazastreifens, begann die israelische Luftwaffe mit Bombardierungen im Gazastreifen. Allein in den ersten sechs Tagen sollen rund 6000 Bomben auf Gaza abgeworfen worden sein. Laut Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde wurden über 5000 Menschen dabei bis zum 25. Oktober getötet, darunter, nach palästinensischen Angaben, über 2000 Kinder, die WHO zählt weit über 10.000 Verletzte. Die Krankenhäuser im Gazastreifen befinden sich seit dem am absoluten Limit, wenn sie nicht sogar schließen mussten. Viele Krankenhäuser mussten aufgrund von Personalmangel und Probleme der Energieversorgung ihre Arbeit sogar einstellen. Die Blockaden von Hilfs- und Lebensmittellieferungen, sowie der Strom- und Wasserversorgung nach Gaza haben das Leben der Zivilbevölkerung zu einem täglichen Überlebenskampf gemacht. Die WHO und andere Hilfsorganisationen warnen seit Beginn der totalen Blockade vor einer humanitären Katastrophe. Wiederholt haben falsche Versprechungen auf Hilfslieferungen, sowie die wiederholte Bombardierung des einzigen Grenzübergangs von Gaza nach Ägypten, durch Israel die Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage schrumpfen lassen. Ob die wenigen Dutzend Lastwägen die seit Samstagmorgen nach langem Ringen von Ägypten nach Gaza einfahren konnten, lässt sich bezweifeln, zumal die Hilfslieferungen noch immer ein heißes Thema auf dem internationalen Parkett sind.

Die wiederholte Aufforderung Israels an rund eine Million Menschen in Gaza, also knapp die Hälfte der Bevölkerung, den Norden des Landes zu räumen, hat zu Panik und einer Massenflucht in den Süden der Enklave geführt. Überfüllte Unterkünfte und das anhaltende Bombardements der eigentlich als sicher deklarierten Strecke in den Süden verschlimmern die humanitäre Situation weiter. In den vergangenen Tagen sind auch immer wieder Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, welche aufgrund der großen Anzahl an transportunfähigen Verletzten nicht evakuiert werden können, unter Beschuss geraten. 

Diese viel zu kurze Aufzählung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, können den Schmerz und das Leid den die Menschen, Familien und Gesellschaften vor Ort aktuell erleben nicht einmal annähernd darstellen.

Die letzten mittlerweile zweieinhab Wochen waren für die Menschen in der Region und ihre Angehörigen im Ausland eine reine Tortur, anders kann die Situation nicht beschrieben werden. Befürchtungen über eine Ausweitung des Konflikts, einer möglichen Beteiligung der Hisbollah oder gar dem Iran und die Verlegung von US-Militärschiffen in die Region, haben uns in den vergangenen Tagen in den Abgrund blicken lassen, der sich auftun würde, sollte dieser Konflikt weiter eskalieren. Wenn der Konflikt sich auf den Libanon oder Syrien ausweiten würde, wäre eine tatsächliche Explosion des Pulverfasses im Nahen und Mittleren Osten so gut wie gewiss. Dies würde nicht nur die Verlängerung der Liste, der an dem Konflikt beteiligten Parteien und Gruppen bedeuten, sondern ganz konkret die Bedrohung des Lebens von Hunderttausenden in der ganzen Region – ein Vielfaches dessen, was wir bereits jetzt in Israel und Palästina sehen. Der Konflikt zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran und seinen zahlreichen Verbündeten auf der anderen Seite schwebt wie ein drohender Schatten über allen Schritten, die Hamas, IDF und Hisbollah in diesen Tagen auch nur erwägen.

Während in der Berichterstattung zumeist die Militärs, die Präsidenten und Minister, die Diplomaten und Kriegstreiber aller Seiten die Aufmerksamkeit bekommen, sind die zivilen Opfer oft nur eine Randnotiz. So geht es, selbst bei den möglichen Hilfslieferungen an Gaza oder Geiselbefreiungen, inzwischen teilweise unverhohlen darum, den israelischen Angriff zu ermöglichen und nicht in erster Linie darum, Menschenleben zu schützen. Von rassistischen Äußerungen durch israelische Politiker:innen, und auch aus Deutschland kommender Billigung von Kriegsverbrechen und Vertreibungen durch die IDF, ganz zu schweigen. Auf der anderen Seite sprich in Medien der Hamas sieht das genauso aus. Mit antisemitischen Stereotypen soll jüdisches Leben im Nahen Osten delegitimiert werden.

Weder die zivilen Opfer auf beiden Seiten, noch die zum Teil rassistische oder antisemitische Propaganda, welche auf beiden Seiten existiert, dürfen aber darüber hinwegtäuschen, dass es sich keinesfalls um einen symmetrischen Konflikt handelt. Die Mittel der Hamas oder des Islamischen Jihad sowie ihre Ideologie sind falsch, doch sind sie nicht der Ursprung oder Anfang des Konflikts. Der Kampf des palästinensischen Volkes um Befreiung, sowie gegen die seit Jahrzehnten anhaltende Vertreibung, Unterdrückung und Verleugnung auf internationaler Ebene ein legitimer Kampf. Und dieser Kampf ist auch nicht aus dem Nichts entstanden, er ist die natürliche Reaktion auf die Ungerechtigkeiten, die das palästinensische Volk im Laufe der Geschichte erdulden musste, und dazu gehört neben der kolonialen Geschichte eben auch die daraus resultierende Staatsgründung Israels, die damit verbundene Nakba, also die Vertreibung von rund 700.000 Palästinenser:innen aus dem heutigen Israel und das fehlende Recht auf Rückkehr, die Besatzung im Westjordanland und der Siedlungsbau, der in den letzten Jahren immer gezielter von der israelischen Regierung vorangetrieben wurde, die jahrelange Blockade des Gazastreifens, anhaltende und alltägliche Razzien im Westjordanland, dazu zunehmende Gewalt durch die von der israelischen Regierung gestützten Siedler. Gegen all diese Entwicklungen und Unterdrückungen befand sich das palästinensische Volk immer in der Defensive. Nur wenn dieser Umstand anerkannt wird, kann der Konflikt voll und ganz verstanden werden und begriffen werden wo die Unterschiede zwischen den Parteien und den Anliegen und Kämpfen der Bevölkerung liegen.

Die letzten 75 Jahre haben aber gezeigt, dass keine der Seiten die heute den Konflikt auf dem Rücken der Zivilbevölkerung austragen, tatsächlich in der Lage ist, die Situation zu lösen, auch weil sie nicht der gesellschaftlichen Realität des Nahen Ostens entsprechen.

Weder die zionistische Bewegung, noch islamistische Kräfte sind aufgrund ihrer Ideologie in der Lage, eine gesellschaftliche Vielfalt, wie sie vor Ort und auch in anderen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens für Jahrtausende existiert hat, zu akzeptieren. Noch nie war der Nahe Osten nur jüdisch oder nur muslimisch besiedelt. Nie war der Nahe und Mittlere Osten ethnisch, religiös oder kulturell homogen. Das bedeutet nicht, dass es in der Vergangenheit keine Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen gab. Aber es bedeutet, dass jegliche Konzepte und politische Ideen, die diese Vielfalt nicht anerkennen und als Grundlage nehmen, zum Scheitern verurteilt sind. Diese Konzepte haben innerhalb des letzten Jahrhunderts zu Vertreibungen und Massakern in Form der Nakba und der Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus allen Teilen der muslimischen Welt geführt.

So können durch diese Konzepte vielleicht nationalstaatliche Interessen oder fundamentalistische Agenden durchgesetzt werden, doch sie sind dazu verurteilt, darin zu scheitern, eine freie und gleichberechtigte Zukunft der ethnischen, religiösen und kulturellen Gemeinschaften im Nahen und Mittleren Osten erschaffen zu können.

Wer dies tatsächlich als Ziel hat, kann sich nicht auf die eine oder die andere Seite dieses Konfliktes schlagen. Weder jene, die davon sprechen, dass die Bewohner:innen von Gaza Tiere seien, die ja zur Not auch einfach in andere muslimische Länder gehen könnten, noch jene, die vom Judentum als Tumor reden und es im Nahen und Mittleren Osten auslöschen möchten, können als Teil eines gerechten Widerstandes oder einer legitimen Verteidigung der Gemeinschaften angesehen werden, die sie vorgeben, zu vertreten.

Es gibt ein Recht des palästinensischen Volkes, sich gegen Vertreibung, Besatzung und Völkermord zu wehren und für regionale und internationale Anerkennung und Selbstbestimmung zu kämpfen. Genauso gibt es das Recht des jüdischen Volkes, im Nahen und Mittleren Osten in Frieden und Freiheit zu leben. Diese Sätze sind allerdings nicht mit einem „Aber“ oder einem „Jedoch“ zu trennen. Sie sind keine Gegensätze, sondern werden und können nur gemeinsam erreicht werden. Die nationalstaatlichen Konzepte von Zionismus, Panarabismus, Ein-Staaten-, Zwei-Staaten- oder Drei-Staaten-Lösung – oder gar internationaler Treuhand, wie sie in der taz vor wenigen Tagen ausgegraben wurde, die aber nicht weniger wäre als eine weitere koloniale Intervention durch die „internationalen Gemeinschaft“ – haben nichts mit den Rechten, der Freiheit oder der Selbstbestimmung des jüdischen oder des arabischen Volkes zu tun.

Die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) veröffentliche zu dem Konflikt seit dem 7. Oktober bereits mehrere Stellungnahmen und stellte mit aller Deutlichkeit dar: „Die staatsfixierte Mentalität ist die Ursache für die Probleme der Gesellschaften und der Menschheit. Die Probleme sind mit der Durchdringung der Gesellschaften durch das staatlich orientierte Denken in der Geschichte der Menschheit bis heute immer weiter gewachsen.“ Das bedeutet auch, dass die Gesellschaften zu weiten Teilen die Argumente und Vorgehensweisen der Staaten übernommen haben. Die staatliche Mentalität hat die gegenseitigen Vernichtungswünsche und -Bestrebungen erst hervorgebracht und heizt diese immer weiter, auch in der Bevölkerung selbst, an. Daraus ergibt sich auch, dass die Lösung des Problems nicht im militärischen Sieg der einen über die anderen oder ein militärisches Patt oder ein wie auch immer geartetes Friedensabkommen zwischen zwei Staaten liegen kann, wie es sie schon so oft in der Vergangenheit gab.

„Probleme lassen sich nicht, wie oft behauptet wird, durch die Gründung weiterer Staaten lösen. Im Gegenteil, die Probleme können nur durch den Aufbau einer demokratischen Nation auf der Grundlage einer freien, gleichberechtigten und demokratischen Selbstverwaltung gelöst werden. Die Probleme sowohl des jüdischen als auch des palästinensischen Volkes können auf diese Weise gelöst werden. Die Menschen in Jerusalem, das von drei Religionen als heilig angesehen wird, und in der uralten palästinensischen und israelischen Region könnten mit diesem Modell am besten in Freiheit und Frieden leben.“

„Alle Probleme im Nahen Osten […] können nur durch die Überwindung der nationalstaatlichen Mentalität gelöst werden.“

Konkret bedeutet dies, sich in der aktuellen Situation weder mit der Hamas als Akteur, noch mit dem israelischen Staat, sondern mit der Zivilbevölkerung jenseits der Frontlinien zu solidarisieren. Es bedeutet, sich für die Geiseln einzusetzen, die noch immer in der Gefangenschaft der Hamas sind. Es bedeutet aber auch, sich klar gegen die die Bombardierungen des Gazastreifens und die drohende Bodenoffensive zu stellen, die Zehntausende zivile Todesopfer zur Folge hätte. Es bedeutet, die Verbrechen der Hamas als ganz klar das zu benennen, was sie sind – „männlich dominierte, faschistische Angriffe“, wie es die Gemeinschaft der Frauen Kurdistans ausdrückte – aber zugleich die gerechte Sache des palästinensischen Volkes zu unterstützen. Es bedeutet, keine noch so moralisch anmutende Bündnisse mit der NATO oder dem Iran einzugehen.

Aktuell deutet wenig auf eine Deeskalation der Lage oder auf ein Aufatmen für die Zivilbevölkerung hin. Im Gegenteil droht der Konflikt sich wie bereits erwähnt auf weite Teile des Nahen und Mittleren Osten auszuweiten – Ein Szenario, das, mit Blick auf der jetzt schon hohen Zahl an zivilen Opfern, mit dem Ausmaß des Ukrainekriegs vergleichbar sein könnte, oder sogar darüber hinausgehen könnte.

Auch hier in Deutschland führt der Konflikt zu massiven Diskussionen und von staatlicher Seite zu einem massiven autoritären innenpolitischen Feldzug. Auf diese Aspekte wollen wir im zweiten Teil dieses Textes eingehen, den wir in den kommenden Tagen veröffentlichen werden.

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