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Vom Wohnzimmer ins Schlachtfeld: Militarisierung als Motor männlicher Gewalt

Häusliche Gewalt und Femizide in Deutschland

Weltweit wird alle zehn Minuten eine Frau von ihrem (Ex)Partner oder einem Familienmitglied ermordet. Ende November veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine Statistik über häusliche Gewalt für das Jahr 2024. Die Zahlen sind ein weiteres Jahr in Folge auf einem Rekordhoch. Unter häuslicher Gewalt zählen alle gemeldeten Delikte. Also Partnerschaftsgewalt, wovon hauptsächlich Frauen betroffen sind und Männer zu Tätern werden, und innerfamiliäre Gewalt, die Gewalt zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Angehörigen meint. Die Initiative Femizide Stoppen zählt im Jahr 2025 bisher 98 Femizide, also Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Im Artikel „Ni una menos – keine mehr!„gehen wir vertieft darauf ein, was Femizide sind, ihre Ursachen und auf die Rolle des Staates und der patriarchalen Gewalt in Kriegen. Am Ende dieses Artikels werden wir dies an dem Genozid in Gaza aufzeigen.

Militarisiserung: Wie Gewalt gesellschaftsfähig wird

2025 ist das Jahr mit den meisten Kriegen und bewaffneten Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Militarisierung bedeutet, dass das Militär die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dominiert. Es wird sich auf Krieg vorbereitet. Militarismus ist eine Ideologie, Politik und Praxis, die die Rolle des Militärs und anderer bewaffneter Akteure in der Gesellschaft aufwertet, indem sie sie als „Beschützer“ inszeniert, die für die Schaffung einer vermeintlichen Form von Sicherheit verantwortlich ist.

Krieg bedeutet Gewalt. Um die Gesellschaft an Krieg zu gewöhnen, muss sie an Gewalt gewöhnt werden. Aggression und Gewalt werden als Mittel zur Lösung von Konflikten propagiert. Das Militär ist eine Organisation, deren Aufgabe darin besteht, die überwiegend männlichen Soldaten auf das Töten und Sterben vorzubereiten.

Der „ideale Soldat“ und die Abwertung von Frauen

Gleichzeitig verstärkt Militarisierung immer auch patriarchale Geschlechterrollen: Männer werden darauf vorbereitet, im Krieg zu kämpfen, während Frauen darauf vorbereitet werden, zu Hause zu bleiben, die Versorgung zu organisieren und die nächste Generation von Soldaten zu erziehen. Bereits in den 1980ern etablierten Wissenschaftler:innen eine theoretische Verbindung zwischen Militarisierung und der patriarchalen Ordnung. Diese sind demnach eng verwoben und verstärken sich gegenseitig.

Feminist:innen sprechen seit einer Weile von einer sogenannten militarisierten Männlichkeit. Das bedeutet, dass im Militär eine extreme Form von Männlichkeit verkörpert wird, in der Form des „idealen Soldaten“, der die Identität des Staates verkörpern soll. Sie dient nicht nur dazu, den Soldaten als Symbolfigur für den Staat zu konstruieren, sondern auch der Legitimierung militärischer Macht und Gewalt.

Zentral ist dabei das hierarchisierte Konzept einer militarisierten Männlichkeit, die kalt, dominant und aggressiv ist, und einer passiven, schutzbedürftigen Weiblichkeit. Alle, die dem Ideal des militarisierten Mannes widersprechen, werden zum Feindbild. Um auf der einen Seite das Gefühl von Gemeinschaft zu stärken und auf der anderen Seite Machtstrukturen und Kontrolle untereinander durchzusetzen, wird die Logik von Unterdrückungsformen wie Sexismus, Rassismus und Homophobie gefördert. Ganz nach der Logik von „wir“ gegen „sie“.

Die militarisierte Männlichkeit beruht auch auf der Annahme, dass Frauen im Krieg schlichtweg abwesend bzw. irrelevant seien, obwohl gerade diese Institutionen auf der unsichtbaren Arbeit von Frauen beruhen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Militarisierung immer einen Anstieg von Gewalt gegen Frauen bedeutet hat. Militarisierung bestärkt eine klare Trennung von öffentlich und privat, Konflikt und Frieden, männlicher Gewalt und weiblicher Opferrolle.

Waffen statt Leben: Staatshaushalte im Zeichen der Aufrüstung

Am Beispiel der USA, Russlands, Chinas, aber auch von Deutschland, kann man sehen, dass hochgerüstete Staaten einen großen Teil ihres Staatshaushalts für das Militär ausgeben, während die Ausgaben für Soziales, Bildung und Gesundheit verhältnismäßig sehr niedrig sind und weiterhin sinken. Im März setzte die bereits abgewählte Ampelregierung eine Grundgesetzänderung durch, womit ein weiteres 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen beschlossen wurde. Wobei die Mehrheit des Sondervermögens in Aufrüstung fließen soll. Nach dem Motto „survival of the fittest“ werden alte, kranke und behinderte Menschen benachteiligt.

Staatsgewalt und Gewalt im Privaten

Außerdem besteht auch eine sehr direkte Verbindung darin, dass Polizisten und Soldaten, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum oft Gewalt gegen Frauen ausüben. Ihr Status als Staatsdiener erschwert die Verfolgung ihrer Taten: Beamte bekommen oft verhältnismäßig niedrige Strafen, wenn sie denn angezeigt werden. In den USA zeigen mehrere Studien, dass die Rate sexueller Übergriffe durch Polizisten mehr als doppelt so hoch ist wie in der Allgemeinbevölkerung. Aktuell zählt die deutsche Polizei 270.000 Beschäftigte. Bei der Bundeswehr sind momentan über 180.000 Soldat:innen angestellt. Bei beiden Institutionen überwiegt der Männeranteil deutlich und beide sollen in den nächsten Jahren personell massiv aufgestockt werden. Die Anzahl der Soldat:innen soll sich laut Bundesregierung bis 2035 fast verdoppeln.

In Deutschland ermordeten 2025 mehrere Polizisten ihre (Ex-)Partnerinnen: Im April erschoss ein Polizist in Klettbach (Thüringen) seine Frau und ihre zwei gemeinsamen Kinder. Im Mai erschoss ein anderer Polizist aus Freiburg (Baden-Württemberg) ebenfalls seine Ex-Partnerin. In beiden Bundesländern ist es Polizist:innen erlaubt, ihre Dienstwaffe mit nach Hause zu nehmen.

Im Februar dieses Jahres, wurde außerdem der ehemalige Bundeswehrsoldat Florian G. zu lebenslanger Haft verurteilt. Anfang März 2024 ermordete er den Partner seiner Ex-Frau, deren Mutter, ihre beste Freundin und ihre 3-jährige Tochter. Der 33-Jährige ging mit 17 zur Bundeswehr und sagte selbst aus, er habe „fast sein halbes Leben lang gelernt Gewalt zu perfektionieren“.

Kriegstraumatisierte Soldaten stellen eine extrem gefährliche Gruppe dar, wenn es um die Sicherheit von Frauen geht. Häusliche Gewalt, Alkoholismus und auch die Suizidrate nehmen während und nach Kriegen deutlich zu.

Zu der zunehmenden Militarisierung von Staaten gehört natürlich auch die Verbreitung von Waffen und deren Einsatz, und sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für geschlechtsspezifische Gewalt. Männer nutzen Waffen zur Durchsetzung ihrer Macht und nutzen sie, um Gewalt gegen Frauen auszuüben. Studien belegen, dass die Anwesenheit von Waffen patriarchale Gewalt tödlicher macht: Statistiken zeigen, dass das Risiko, Opfer eines Femizids zu werden, für Frauen fünfmal höher ist, wenn eine Schusswaffe im Spiel ist.

Männlichkeit als Rekrutierungsstrategie

Im Dezember 2025 beschloss die Bundesregierung die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Damit werden ab jetzt alle Männer ab Jahrgang 2008 zu einer Musterung verpflichtet. Für den Fall, dass sich dadurch nicht genügend „Freiwillige“ finden, können junge Männer zwangsrekrutiert werden. Durch die Befragung werden außerdem Daten über alle potenziellen Soldat:innen gesammelt, die im Kriegsfall zusätzlich noch eingezogen werden können. In Zeiten von zunehmenden wirtschaftlichen Krisen, Inflation, sinkenden Löhnen und stetig steigender Armut, kommt die Frage auf, inwiefern man überhaupt von Freiwilligkeit sprechen kann. Denn wer sich bei der Bundeswehr verpflichtet, genießt etliche Privilegien.

Durch zunehmende Schulbesuche von sogenannten Jugendoffizieren, eigene Social-Media-Kampagnen wie „70 Gründe für die Bundeswehr“ und Werbung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, ist es kaum möglich, der dauerhaften Militärwerbung auszuweichen. Parallel dazu haben Internet-Trends wie „Alpha Männer“-Content extreme Auswirkungen auf vor allem jugendliche und junge Männer. Oft beginnt es mit Sport- oder Motivationsvideos auf Instagram oder TikTok über Videos über Männlichkeit und den Zusammenhalt von Männern. Die Spitze des Eisbergs sind Videos, in denen Frauen für die „Schwäche“ und Probleme der Männer verantwortlich gemacht werden. Frauen werden als böse, heimtückisch und manipulativ dargestellt und gleichzeitig objektifiziert. Die einzige Lösung, um mit ihnen umzugehen, wird darin gesehen, sie zu beherrschen.

Die Studien zeigen, dass einer von zehn Jungs im Alter von elf bis vierzehn Jahren, in der ersten Minute, in der er online geht, bereits auf diese Art von Inhalten trifft. Bei dem Rest geschieht es spätestens nach einer halben Stunde. Und das geschieht unabhängig von Algorithmen: Fast 70 % der jungen Männer geben an, dass ihnen dieser Content ungefragt vorgeschlagen wird. Noch mehr junge Männer geben an, dass das Konsumieren von diesen Inhalten Auswirkungen auf ihr Männlichkeitsbild hat.

Militär und Polizei profitieren enorm von diesen Inhalten und der sich dadurch verstärkenden patriarchalen Männlichkeit. Dass mehr junge Männer zum Militär gehen, ist zugleich Ursache und Folge dieser Entwicklung. Das spielt natürlich allen in die Hände, die von Krieg profitieren, und deshalb machen sie alle die gleiche Werbung, wenn auch mit anderem Anstrich. Während offen rechte Politiker der AfD mit knallharten Männlichkeitsbildern und stumpfem Sexismus junge Männer zum Kriegsdienst mobilisieren wollen, wirbt die Bundeswehr mit gleichen Gehältern für Männer und Frauen und Diversität. Ganz nach dem Motto „Weil wir auch queerfeldein marschieren“, dem Dritten der 70 eingangs erwähnten „Gründe für die Bundeswehr“.

Gaza: Krieg, Besatzung und Gewalt gegen Frauen

Seit den 1990er Jahren erkennen die Vereinten Nationen sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe an. An keinem Ort wird so deutlich, was Krieg für die Frauen bedeutet, wie in Gaza. Nicht nur eine extrem hohe Zahl an ermordeten Frauen prägt den Alltag, sondern auch sexualisierte Übergriffe, systematische Demütigung und Folter und die bewusste Zerstörung von Infrastruktur durch die israelische Armee.

Eine Geburtshelferin in Gaza vergleicht die Umstände des Gebärens von Frauen in Gaza mit dem Mittelalter: Es gibt nicht ausreichend medizinisches Personal, keine Vor- und Nachsorge, grundlegende Geburtshilfematerialien sowie Medikamente fehlen. Fast alle Krankenhäuser und Geburtskliniken wurden durch die IDF zerstört. Muttersterblichkeit, Tot- und Fehlgeburten haben drastisch zugenommen. Seit dem 7. Oktober 2023 gibt es einen Anstieg von Fehlgeburten um 300 Prozent. Das Wasser wird immer knapper: Der fehlende Zugang zu Wasser für Hygiene, zum Wäschewaschen sowie bei der Menstruation führt zur Ausbreitung von Krankheiten sowie zu vaginalen und Harnwegsinfektionen bei Frauen und Mädchen. Diese können wiederum zu Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit oder sogar zum Tod führen. Hinzu kommt, dass Hunger zur Folge hat, dass Mütter teilweise keine Muttermilch produzieren können. Nährstoffmangel behindert das Wachstum des Körpers und des Gehirns von Kindern.

Körper und Sexualität von Frauen werden oft vor allem in Kriegen mit der Würde einer Nation bzw. einer Gesellschaft gleichgesetzt, weshalb ihre Unterwerfung und Demütigung die ganze Gesellschaft schwächt. Zeug:innen berichten auch von geschlechtsspezifischer Gewalt während der Bodenoperationen der IDF, wie dem erzwungenen öffentlichen Entblößen, dem Abnehmen von Kopftüchern in der Öffentlichkeit, invasiven und demütigenden Durchsuchungen, Drohungen und dem verbalen und körperlichen Missbrauch von Frauen. Frauen, die in israelischen Gefängnissen, oft ohne Anklage oder Gerichtsprozess, inhaftiert waren, berichten von Drohungen, übergriffigen Leibesvisitationen, ungewolltem Fotografieren bis hin zu Folter und Vergewaltigungen.

Der Genozid durch die israelische Armee zielt auf die physische Vernichtung der Palästinenser:innen ab. Zwei Drittel der bisher identifizierten Toten Palästinenser:innen sind Frauen, Kinder und Alte.

Abschluss

Seit ein paar Jahren wird über den Antifeminismus gesprochen, der weltweit stärker wird. Dabei geht es dann meistens um die AfD oder die MAGA-Bewegung in den USA, manchmal vielleicht auch noch um die dahinterliegenden Netzwerke von neuen Rechten und Evangelikalen. Sie und die milliardenschweren Geldgeber im Hintergrund sind aber nur ein Teil des Puzzles. Ein Puzzle, bei dem fast alle Teile in verschiedenen Braun- und Grüntönen gehalten sind. Das Bild, das sich daraus ergibt, erfährt meistens deutlich weniger Aufmerksamkeit als die rechten Stichwortgeber. Es ist ein Bild, in dem Männlichkeitsbilder eine Voraussetzung für Krieg sind und Krieg mit allem, was damit einhergeht, radikalere Männlichkeitsbilder erzeugt. Alles auf dem Rücken von Frauen, denen dabei Unterordnung, Reproduktion und Demütigung zuteil werden. So zumindest ist es auch in den aktuellen Krisengebieten, von der Ukraine, über Palästina bis in den Sudan, der Fall.

Ni Una Menos – Keine Mehr!

In Gedanken an alle Frauen, die Hass und Gewalt nicht überlebt haben.“ – Christina Clemm

Was sind Femizide?

Es ist der Frauenbewegung zu verdanken, dass der Begriff Femizid international verwendet wird. Femizide bezeichnen die Ermordung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Femizide sind keine Einzelfälle, sondern haben System. Die Kriminolog:innen Fredericke Leuschner und Elena Rausch erläutern: „Anders als bei Tötungen zum Nachteil von Männern gibt es bei Frauen einen nicht unerheblichen Anteil, bei denen das Geschlecht ausschlaggebend für die Tötung ist, sei es in der Position als Ehefrau oder Tochter oder bspw. bei Tötungen mit sexueller Motivation- schlicht aufgrund des Frauseins.“ Auch wenn Femizide meist in der engeren Gemeinschaft der ermordeten Frauen stattfinden, gibt es Fälle bei denen die Mörder den Frauen fremd sind. Etwa die Ermordung von Prostituierten oder Tötungen im Kontext von Menschenhandel.

Femizide sind die höchste Form patriarchaler Gewalt. Frauenmorde sind so alt wie das Patriarchat selbst. Die strengen Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb des kapitalistischen Systems fördern die Logik des Besitzanspruches von Männern über Frauen und ihre Körper. Arbeit kann unterteilt werden in entlohnte Arbeit, die finanzielle Absicherung schafft und dem Mann zugeordnet wird und nicht-entlohnte Arbeit, wie beispielsweise Kinderziehung und Haushaltstätigkeiten, welche Frauen zugeordnet werden. In diesem Verständnis werden weibliche Körper und ihre reproduktiven Kräfte abgewertet und als „natürliche“ Ressource erklärt. Für die gewaltvolle Durchsetzung des Kapitalismus war die Disziplinierung nicht fügsamer, weiblicher Arbeitskraft und Körper also zentral.

Woher kommt die Bezeichnung?

Zum ersten Mal verwendete die südafrikanische Soziologin Diane Ressel 1976 öffentlich den Begriff Femizid (femicide), bei einer Rede bei der sie Tötungen von Frauen durch Männer thematisierte. Später brachte die mexikanische Anthropologin Marcela Lagarde y de los Río den Begriff in den wissenschaftlichen Diskurs. Sie nutzte jedoch vor allem die Bezeichnung Feminizid, welcher die Verbrechen mit der Verantwortung des Staates verknüpft. Lagarde und viele andere Aktivist:innen prangerten die Frauenmorde als „Staatsverbrechen“ an. Femizide bilden nicht nur die Spitze der strukturellen Unterdrückung von Frauen- sie bleiben oftmals unbestraft. Die Auseinandersetzung mit Femiziden ist in Deutschland noch relativ neu. Erst 2020 wurde der Begriff Femizid in den Duden aufgenommen. Bisher gibt es dazu wenig Forschung. Anders als in vielen lateinamerikanischen Ländern sind Femizide in Deutschland kein eigener Straftatbestand.

Wir haben uns als Redaktion dennoch dazu entschieden, den Begriff Femizid zu benutzen, da er verbreiteter ist und häufiger genutzt wird. Es ist dennoch zentral die Mitverantwortung des Staates in Bezug auf Prävention, Untersuchung und Bestrafung mitzudenken.

„Vorwärts, Schwestern, vorwärts!“ – Von Frauen geführte Massenproteste 1961 in der Dominikanischen Republik.

Wer wird zum Täter?

Es gibt nicht den ‚typischen Täter‘ bei Femiziden. Getötet wird oftmals in Partnerschaften und während bzw. nach einer Trennung. Luise Greuel, Kriminologin und Rechtspsychologin beschreibt: „Männer töten ihre (Ex-)Partnerinnen dann, wenn diese eine hohe emotionale Bedeutung und entsprechende Relevanz für das Selbstwertgefühl des Mannes haben.“ Durch eine Trennung droht Männern, dass sie ihre Macht, Kontrolle, Besitz und Verfügungsgewalt über eine Frau verlieren. Nach dem Prinzip: „Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie keiner haben.“

Jeden Tag wird eine Frau aufgrund ihres Gechlechts ermordet

Weltweit wird alle zehn Minuten eine Frau durch ihren (Ex)-Partner oder andere Familienmitglieder ermordet. Eine im November 2024 veröffentlichte Studie des BKA meldete mindestens 360 getötete Frauen und Mädchen im Vorjahr in Deutschland. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei dem Großteil (über 80%) um Femizide handelt. Hinzu kommen 578 versuchte Tötungen. Anders gesagt: Fast jeden Tag stirbt eine Frau durch geschlechtsspezifische Gewalt. Da es sich bei den Zahlen des BKAs allerdings nur um die erfassten Taten handelt, muss mit einer großen Dunkelziffer gerechnet werden. Viele Opfer häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe bringen die Taten nicht zur Anzeige.
Femizide machen dabei mindestens ein Drittel der Tötungsdelikte in Deutschland aus. Letztes Jahr sind bereits über 100 Femizide gemeldet worden.

Wie werden Femizide in den Medien dargestellt?

In den Medien werden Femizide häufig als „Familiendrama“ oder „Beziehungstaten“ bezeichnet und somit relativiert. Es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt, oft wird mit den Tätern sympathisiert. Es werden Formulierungen wie „Töten aus Leidenschaft“ oder „Er liebte sie zu sehr“ verwendet, obwohl das dahinterstehende Motiv häufig die Angst vor dem Verlust von Macht und Kontrolle, ist. Die Tötungen von Frauen werden als schicksalhafte Einzelfälle dargestellt und die Gewalt wird normalisiert.

In Istanbul greifen Polizisten greifen eine Demonstration am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen an (25. November 2018).

Die Familie als kleiner Staat im Staat

Die Entstehung der Familie wie wir sie heute insbesondere in industrialisierten Ländern kennen, bestehend aus einer Kleinfamilie die sich meist einen Haushalt teilt und einer erweiterten Familie, geht auf eine lange Geschichte zurück. Dieses Modell ist nicht einfach so erwachsen, sondern ist ein Ergebnis gesellschaftlicher und kriegerischer Prozesse. In der heutigen Gesellschaft ist ein anderes Lebensmodell meist gar nicht mehr vorstellbar und wird daher als naturgegeben aufgefasst.

Die Kleinfamilie bildet somit ein zentrales Element der strukturellen Festigung von einer „naturgegebenen“ männlichen Herrschaft. Sie schafft eine Trennung in öffentlich und privat. Dem Mann wird die Rolle des „Versorgers“ zugesprochen, er verkauft seine Arbeitskraft, wird dafür entlohnt und erwirtschaftet somit die Lebensgrundlage für die Familie. Er bekommt damit eine gesellschaftlich legitimierte Machtposition innerhalb der Familie zugesprochen. Die Frau ist verantwortlich für die Reproduktionsarbeit, für die sie nicht entlohnt wird. Die Familie bildet also eine wirtschaftliche Einheit, welche z.B. durch die Eheschließung auch staatlich geschützt und verankert wird.

Bei der Ursachenanalyse für Femizide ist es entscheidend, sie in dieses bestehende Machtverhältnis einzuordnen. Die Idealisierung der Kleinfamilie trägt maßgeblich dazu bei, dass angenommen wird, diese Räume wären harmonisch und gewaltfrei. So ist die Auffassung, dass wenn es Probleme gibt, dies Privatangelegenheit der Familie sei. Die strukturelle Gewalt gegen Frauen wird häufig immer wieder durch rassistische Narrative verschleiert und ausgelagert. Das patriarchale Gewaltverhältnis wird dabei auf das rassistisch definierte „Andere“ projiziert. Es geht um den anderen, den unbekannten Mann. Somit muss man sich nicht mit seinen eigenen gewaltvollen Verhalten auseinandersetzen. Dabei ist das verbindende Element der Femizide, ausschließlich das männliche Geschlecht der Täter.

Schützt der Staat Frauen vor Femiziden?

Häufig geht den Femiziden häusliche Gewalt voraus, viele Frauen versuchen den gewaltvollen Beziehungen zu entfliehen und suchen Schutz in Frauenhäusern. Diese sind in Deutschland jedoch chronisch unterfinanziert und es mangelt an Plätzen. Zudem müssen Frauen selbst Geld für ihren Aufenthalt in der Einrichtung bezahlen, welches vielen aufgrund ihrer finanziellen Abhängigkeit von ihrem (Ex)-Partner, fehlt. Gemessen an der Istanbul Konvention „zum Schutz von Frauen vor Gewalt“ fehlen in Deutschland mindestens 14.000 Frauenhausplätze. Aktuell sind momentan ca. 7700 Frauenhausplätze verfügbar, bundesweit werden allerdings mindestens 21 000 Frauenhausplätze benötigt. Das bedeutet dass nach der Istanbul-Konvention 2/3 der Plätze in Deutschland fehlen.

Femizide stellen in Deutschland keinen eigenen Straftatbestand dar. Die Urteilsverkündungen lauten Mord oder Totschlag. Das Justizsystem ist eine staatliche Institution, welche wie alle anderen öffentlichen und gesellschaftlichen Räume von struktureller Frauenfeindlichkeit geprägt, sowie sehr männlich dominiert, sind. Femizide werden also strafrechtlich nicht angemessen beurteilt, weil das zentrale Motiv des Besitzanspruches von Männern gegenüber Frauen, keine Rolle spielt.

Frauen führten die revolutionären Proteste ab 2018. Nach deren Niederschlagung durch die derzeit herrschenden Milizen sind die Bedingungen insbesondere für Frauen katastrophal.

Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe

Die Tötung von Frauen wird im Kontext von bewaffneten Konflikten, auch als Kriegshandlung genutzt. Dabei sind Kriege an sich schon eine Form der extremen Zuspitzung patriarchaler Machtkämpfe. Kriege dienen der Sicherung von Macht und Eigentumsverhältnissen, die zumeist in männlicher Hand sind und männliche Interessen verfolgen. Soldaten sind meist Männer, genau wie ihre Kommandanten und die kriegstreibenden Politiker oder Machthaber.

Das Ziel der patriarchalen Gewalt in Kriegssituationen ist, Frauen und Mädchen, die der feindlichen Kriegspartei zuzuordnen sind, zu schädigen und zu entmenschlichen, um so die gesamte feindliche Kriegspartei zu schwächen. Frauen übernehmen auch in Kriegssituationen meist den Großteil der reproduktiven Arbeiten, so stellen sie beispielsweise die Versorgung der Soldaten sicher.

Auch werden Frauen in Kriegen immer wieder besonders zur Zielscheibe der Kampfhandlungen: Wie beispielsweise im Krieg gegen die Palästinenser:innen, wo überwiegend Frauen und Kinder ermordet werden. Auch wichtige Infrastruktur, wie Krankenhäuser und Geburtskliniken, die überlebenswichtig für gebärende Frauen sind, werden gezielt zerstört. Viele Frauen in Gaza sind aufgrund fehlender medizinischer Versorgung an den Folgen der Geburt gestorben.

Besonders sexualisierte Gewalt wird immer wieder systematisch in Kriegen eingesetzt. Im bewaffneten Konflikt im Kongo, in dem seit fast dreißig Jahren verschiedene bewaffnete Milizen und Armeen mehrerer Staaten um die Vorherrschaft des Landes kämpfen, werden Frauen und Mädchen dauerhaft extremer Gewalt ausgesetzt. Soldaten und Paramilitärs vergewaltigen, foltern und misshandeln ganze Dörfer und verschleppen und Töten die in ihnen lebenden Frauen.

Auch im Krieg im Sudan, in welchem seit Mitte April 2023 zwei Generäle mit ihren bewaffneten Streitkräften um die Vorherrschaft des Landes kämpfen, wird sexualisierte Gewalt als Kriegsaffe eingesetzt. Sowohl die Kämpfer der Rapid Support Forces als auch die Soldaten der sudanesischen Armee üben Gruppenvergewaltigungen und Folter gegen die sudanesischen Frauen aus. Hinzukommt, dass die Opfer aufgrund des Krieges im Nachhienein nur selten die Möglichkeit haben, medizinisch versorgt zu werden. Um sich der unvorstellbaren Gewalt in Kriegen zu entziehen, nehmen sich Frauen immer wieder das Leben: wie beispielsweise in der sudanesischen Provinz Gezira, wo letztes Jahr 130 Frauen kollektiv Suizid begangen, um der bevorstehenden Gewalt durch die Milizen der RSF zu entkommen.

Widerstand

Am 25. November 1960 wurden drei der vier Mirabal Schwestern in der Dominikanischen Republik ermordet. Sie leisteten Widerstand gegen die Diktatur und mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen. Sie wurden mehrmals verhaftet, monatelang gefoltert und letztendlich brutal ermordet. An diesem Tag versammeln sich seither jährlich international Millionen von Menschen um gegen die Gewalt an Frauen zu protestieren.

Die Bewegung gegen Femizide nahm ihren Ursprung in Abya Yala (Indigenes Amerika). Im Jahr 1993 gingen erstmals Frauen der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez auf die Straße, um gegen die Ermordung von 287 Frauen und dem Verschwinden von 500 Frauen, zu protestieren. Die Protestierenden brachten durch Parolen wie „las muteras“ („die toten Frauen“) oder „ni una más“ („nicht eine mehr“), ihre Wut zum Ausdruck. Als 2001 die Leichen von acht weiteren Frauen gefunden wurden, weiteten sich Demonstrationen über ganz Mexiko aus. Auch in Argentinien gab es Proteste.

Im August 2024 wurde eine junge Ärztin in Kolkata (Indien) auf ihrer Arbeit vergewaltigt und anschließend gewaltvoll ermordet. Im ganzen Land kam es zu Protesten, Aufständen und Streiks. Überall auf der Welt leisten Menschen Widerstand gegen patriarchale Gewalt und gehen auf die Straße gegen mangelnde Prävention, unzureichende strafrechtliche Verfolgung des Staates und die unterdrückenden patriarchalen Machtverhältnisse, welche die Gewalt erst ermöglichen.

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