Vom Wohnzimmer ins Schlachtfeld: Militarisierung als Motor männlicher Gewalt

"Weil wir Deutschlands Stärke ausbilden." heißt es in einem, der 70 Gründe warum junge Menschen, vor allem Männer, sich bei der Bundeswehr zum Dienst an der Waffe verpflichten sollen. Weltweit wächst die Tendenz, dass Staaten sich nach Außen in Form des Militärs und nach Innen durch die Polizei, personell und materiell aufrüsten. Gleichzeitig steigen die Zahlen zu Gewalt gegen Frauen seit Jahren immer weiter an. Diese Entwicklungen sind jedoch kein Zufall, sondern tief miteinander verbunden.

Vom Wohnzimmer ins Schlachtfeld: Militarisierung als Motor männlicher Gewalt

Inhaltsverzeichnis

Häusliche Gewalt und Femizide in Deutschland

Weltweit wird alle zehn Minuten eine Frau von ihrem (Ex)Partner oder einem Familienmitglied ermordet. Ende November veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine Statistik über häusliche Gewalt für das Jahr 2024. Die Zahlen sind ein weiteres Jahr in Folge auf einem Rekordhoch. Unter häuslicher Gewalt zählen alle gemeldeten Delikte. Also Partnerschaftsgewalt, wovon hauptsächlich Frauen betroffen sind und Männer zu Tätern werden, und innerfamiliäre Gewalt, die Gewalt zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Angehörigen meint. Die Initiative Femizide Stoppen zählt im Jahr 2025 bisher 98 Femizide, also Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Im Artikel „Ni una menos – keine mehr!„gehen wir vertieft darauf ein, was Femizide sind, ihre Ursachen und auf die Rolle des Staates und der patriarchalen Gewalt in Kriegen. Am Ende dieses Artikels werden wir dies an dem Genozid in Gaza aufzeigen.

Militarisiserung: Wie Gewalt gesellschaftsfähig wird

2025 ist das Jahr mit den meisten Kriegen und bewaffneten Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Militarisierung bedeutet, dass das Militär die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dominiert. Es wird sich auf Krieg vorbereitet. Militarismus ist eine Ideologie, Politik und Praxis, die die Rolle des Militärs und anderer bewaffneter Akteure in der Gesellschaft aufwertet, indem sie sie als „Beschützer“ inszeniert, die für die Schaffung einer vermeintlichen Form von Sicherheit verantwortlich ist.

Krieg bedeutet Gewalt. Um die Gesellschaft an Krieg zu gewöhnen, muss sie an Gewalt gewöhnt werden. Aggression und Gewalt werden als Mittel zur Lösung von Konflikten propagiert. Das Militär ist eine Organisation, deren Aufgabe darin besteht, die überwiegend männlichen Soldaten auf das Töten und Sterben vorzubereiten.

Der „ideale Soldat“ und die Abwertung von Frauen

Gleichzeitig verstärkt Militarisierung immer auch patriarchale Geschlechterrollen: Männer werden darauf vorbereitet, im Krieg zu kämpfen, während Frauen darauf vorbereitet werden, zu Hause zu bleiben, die Versorgung zu organisieren und die nächste Generation von Soldaten zu erziehen. Bereits in den 1980ern etablierten Wissenschaftler:innen eine theoretische Verbindung zwischen Militarisierung und der patriarchalen Ordnung. Diese sind demnach eng verwoben und verstärken sich gegenseitig.

Feminist:innen sprechen seit einer Weile von einer sogenannten militarisierten Männlichkeit. Das bedeutet, dass im Militär eine extreme Form von Männlichkeit verkörpert wird, in der Form des „idealen Soldaten“, der die Identität des Staates verkörpern soll. Sie dient nicht nur dazu, den Soldaten als Symbolfigur für den Staat zu konstruieren, sondern auch der Legitimierung militärischer Macht und Gewalt.

Zentral ist dabei das hierarchisierte Konzept einer militarisierten Männlichkeit, die kalt, dominant und aggressiv ist, und einer passiven, schutzbedürftigen Weiblichkeit. Alle, die dem Ideal des militarisierten Mannes widersprechen, werden zum Feindbild. Um auf der einen Seite das Gefühl von Gemeinschaft zu stärken und auf der anderen Seite Machtstrukturen und Kontrolle untereinander durchzusetzen, wird die Logik von Unterdrückungsformen wie Sexismus, Rassismus und Homophobie gefördert. Ganz nach der Logik von „wir“ gegen „sie“.

Die militarisierte Männlichkeit beruht auch auf der Annahme, dass Frauen im Krieg schlichtweg abwesend bzw. irrelevant seien, obwohl gerade diese Institutionen auf der unsichtbaren Arbeit von Frauen beruhen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Militarisierung immer einen Anstieg von Gewalt gegen Frauen bedeutet hat. Militarisierung bestärkt eine klare Trennung von öffentlich und privat, Konflikt und Frieden, männlicher Gewalt und weiblicher Opferrolle.

Waffen statt Leben: Staatshaushalte im Zeichen der Aufrüstung

Am Beispiel der USA, Russlands, Chinas, aber auch von Deutschland, kann man sehen, dass hochgerüstete Staaten einen großen Teil ihres Staatshaushalts für das Militär ausgeben, während die Ausgaben für Soziales, Bildung und Gesundheit verhältnismäßig sehr niedrig sind und weiterhin sinken. Im März setzte die bereits abgewählte Ampelregierung eine Grundgesetzänderung durch, womit ein weiteres 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen beschlossen wurde. Wobei die Mehrheit des Sondervermögens in Aufrüstung fließen soll. Nach dem Motto „survival of the fittest“ werden alte, kranke und behinderte Menschen benachteiligt.

Staatsgewalt und Gewalt im Privaten

Außerdem besteht auch eine sehr direkte Verbindung darin, dass Polizisten und Soldaten, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum oft Gewalt gegen Frauen ausüben. Ihr Status als Staatsdiener erschwert die Verfolgung ihrer Taten: Beamte bekommen oft verhältnismäßig niedrige Strafen, wenn sie denn angezeigt werden. In den USA zeigen mehrere Studien, dass die Rate sexueller Übergriffe durch Polizisten mehr als doppelt so hoch ist wie in der Allgemeinbevölkerung. Aktuell zählt die deutsche Polizei 270.000 Beschäftigte. Bei der Bundeswehr sind momentan über 180.000 Soldat:innen angestellt. Bei beiden Institutionen überwiegt der Männeranteil deutlich und beide sollen in den nächsten Jahren personell massiv aufgestockt werden. Die Anzahl der Soldat:innen soll sich laut Bundesregierung bis 2035 fast verdoppeln.

In Deutschland ermordeten 2025 mehrere Polizisten ihre (Ex-)Partnerinnen: Im April erschoss ein Polizist in Klettbach (Thüringen) seine Frau und ihre zwei gemeinsamen Kinder. Im Mai erschoss ein anderer Polizist aus Freiburg (Baden-Württemberg) ebenfalls seine Ex-Partnerin. In beiden Bundesländern ist es Polizist:innen erlaubt, ihre Dienstwaffe mit nach Hause zu nehmen.

Im Februar dieses Jahres, wurde außerdem der ehemalige Bundeswehrsoldat Florian G. zu lebenslanger Haft verurteilt. Anfang März 2024 ermordete er den Partner seiner Ex-Frau, deren Mutter, ihre beste Freundin und ihre 3-jährige Tochter. Der 33-Jährige ging mit 17 zur Bundeswehr und sagte selbst aus, er habe „fast sein halbes Leben lang gelernt Gewalt zu perfektionieren“.

Kriegstraumatisierte Soldaten stellen eine extrem gefährliche Gruppe dar, wenn es um die Sicherheit von Frauen geht. Häusliche Gewalt, Alkoholismus und auch die Suizidrate nehmen während und nach Kriegen deutlich zu.

Zu der zunehmenden Militarisierung von Staaten gehört natürlich auch die Verbreitung von Waffen und deren Einsatz, und sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für geschlechtsspezifische Gewalt. Männer nutzen Waffen zur Durchsetzung ihrer Macht und nutzen sie, um Gewalt gegen Frauen auszuüben. Studien belegen, dass die Anwesenheit von Waffen patriarchale Gewalt tödlicher macht: Statistiken zeigen, dass das Risiko, Opfer eines Femizids zu werden, für Frauen fünfmal höher ist, wenn eine Schusswaffe im Spiel ist.

Männlichkeit als Rekrutierungsstrategie

Im Dezember 2025 beschloss die Bundesregierung die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Damit werden ab jetzt alle Männer ab Jahrgang 2008 zu einer Musterung verpflichtet. Für den Fall, dass sich dadurch nicht genügend „Freiwillige“ finden, können junge Männer zwangsrekrutiert werden. Durch die Befragung werden außerdem Daten über alle potenziellen Soldat:innen gesammelt, die im Kriegsfall zusätzlich noch eingezogen werden können. In Zeiten von zunehmenden wirtschaftlichen Krisen, Inflation, sinkenden Löhnen und stetig steigender Armut, kommt die Frage auf, inwiefern man überhaupt von Freiwilligkeit sprechen kann. Denn wer sich bei der Bundeswehr verpflichtet, genießt etliche Privilegien.

Durch zunehmende Schulbesuche von sogenannten Jugendoffizieren, eigene Social-Media-Kampagnen wie „70 Gründe für die Bundeswehr“ und Werbung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, ist es kaum möglich, der dauerhaften Militärwerbung auszuweichen. Parallel dazu haben Internet-Trends wie „Alpha Männer“-Content extreme Auswirkungen auf vor allem jugendliche und junge Männer. Oft beginnt es mit Sport- oder Motivationsvideos auf Instagram oder TikTok über Videos über Männlichkeit und den Zusammenhalt von Männern. Die Spitze des Eisbergs sind Videos, in denen Frauen für die „Schwäche“ und Probleme der Männer verantwortlich gemacht werden. Frauen werden als böse, heimtückisch und manipulativ dargestellt und gleichzeitig objektifiziert. Die einzige Lösung, um mit ihnen umzugehen, wird darin gesehen, sie zu beherrschen.

Die Studien zeigen, dass einer von zehn Jungs im Alter von elf bis vierzehn Jahren, in der ersten Minute, in der er online geht, bereits auf diese Art von Inhalten trifft. Bei dem Rest geschieht es spätestens nach einer halben Stunde. Und das geschieht unabhängig von Algorithmen: Fast 70 % der jungen Männer geben an, dass ihnen dieser Content ungefragt vorgeschlagen wird. Noch mehr junge Männer geben an, dass das Konsumieren von diesen Inhalten Auswirkungen auf ihr Männlichkeitsbild hat.

Militär und Polizei profitieren enorm von diesen Inhalten und der sich dadurch verstärkenden patriarchalen Männlichkeit. Dass mehr junge Männer zum Militär gehen, ist zugleich Ursache und Folge dieser Entwicklung. Das spielt natürlich allen in die Hände, die von Krieg profitieren, und deshalb machen sie alle die gleiche Werbung, wenn auch mit anderem Anstrich. Während offen rechte Politiker der AfD mit knallharten Männlichkeitsbildern und stumpfem Sexismus junge Männer zum Kriegsdienst mobilisieren wollen, wirbt die Bundeswehr mit gleichen Gehältern für Männer und Frauen und Diversität. Ganz nach dem Motto „Weil wir auch queerfeldein marschieren“, dem Dritten der 70 eingangs erwähnten „Gründe für die Bundeswehr“.

Gaza: Krieg, Besatzung und Gewalt gegen Frauen

Seit den 1990er Jahren erkennen die Vereinten Nationen sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe an. An keinem Ort wird so deutlich, was Krieg für die Frauen bedeutet, wie in Gaza. Nicht nur eine extrem hohe Zahl an ermordeten Frauen prägt den Alltag, sondern auch sexualisierte Übergriffe, systematische Demütigung und Folter und die bewusste Zerstörung von Infrastruktur durch die israelische Armee.

Eine Geburtshelferin in Gaza vergleicht die Umstände des Gebärens von Frauen in Gaza mit dem Mittelalter: Es gibt nicht ausreichend medizinisches Personal, keine Vor- und Nachsorge, grundlegende Geburtshilfematerialien sowie Medikamente fehlen. Fast alle Krankenhäuser und Geburtskliniken wurden durch die IDF zerstört. Muttersterblichkeit, Tot- und Fehlgeburten haben drastisch zugenommen. Seit dem 7. Oktober 2023 gibt es einen Anstieg von Fehlgeburten um 300 Prozent. Das Wasser wird immer knapper: Der fehlende Zugang zu Wasser für Hygiene, zum Wäschewaschen sowie bei der Menstruation führt zur Ausbreitung von Krankheiten sowie zu vaginalen und Harnwegsinfektionen bei Frauen und Mädchen. Diese können wiederum zu Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit oder sogar zum Tod führen. Hinzu kommt, dass Hunger zur Folge hat, dass Mütter teilweise keine Muttermilch produzieren können. Nährstoffmangel behindert das Wachstum des Körpers und des Gehirns von Kindern.

Körper und Sexualität von Frauen werden oft vor allem in Kriegen mit der Würde einer Nation bzw. einer Gesellschaft gleichgesetzt, weshalb ihre Unterwerfung und Demütigung die ganze Gesellschaft schwächt. Zeug:innen berichten auch von geschlechtsspezifischer Gewalt während der Bodenoperationen der IDF, wie dem erzwungenen öffentlichen Entblößen, dem Abnehmen von Kopftüchern in der Öffentlichkeit, invasiven und demütigenden Durchsuchungen, Drohungen und dem verbalen und körperlichen Missbrauch von Frauen. Frauen, die in israelischen Gefängnissen, oft ohne Anklage oder Gerichtsprozess, inhaftiert waren, berichten von Drohungen, übergriffigen Leibesvisitationen, ungewolltem Fotografieren bis hin zu Folter und Vergewaltigungen.

Der Genozid durch die israelische Armee zielt auf die physische Vernichtung der Palästinenser:innen ab. Zwei Drittel der bisher identifizierten Toten Palästinenser:innen sind Frauen, Kinder und Alte.

Abschluss

Seit ein paar Jahren wird über den Antifeminismus gesprochen, der weltweit stärker wird. Dabei geht es dann meistens um die AfD oder die MAGA-Bewegung in den USA, manchmal vielleicht auch noch um die dahinterliegenden Netzwerke von neuen Rechten und Evangelikalen. Sie und die milliardenschweren Geldgeber im Hintergrund sind aber nur ein Teil des Puzzles. Ein Puzzle, bei dem fast alle Teile in verschiedenen Braun- und Grüntönen gehalten sind. Das Bild, das sich daraus ergibt, erfährt meistens deutlich weniger Aufmerksamkeit als die rechten Stichwortgeber. Es ist ein Bild, in dem Männlichkeitsbilder eine Voraussetzung für Krieg sind und Krieg mit allem, was damit einhergeht, radikalere Männlichkeitsbilder erzeugt. Alles auf dem Rücken von Frauen, denen dabei Unterordnung, Reproduktion und Demütigung zuteil werden. So zumindest ist es auch in den aktuellen Krisengebieten, von der Ukraine, über Palästina bis in den Sudan, der Fall.

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