15. Januar 2023

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Staaten und Massaker – Ein Kommentar aus der Redaktion zur aktuellen Situation

Ohne jede Frage wird der 7. Oktober 2023 in die Geschichte eingehen, als ein Tag, der mit nur wenigen vergleichbar ist. Nach massivem Raketenbeschuss auf Israel drangen Kämpfer, unter der Federführung der Hamas, auf israelisches Territorium vor. In den ersten Stunden nahmen sie Dutzende Siedlungen, Dörfer und Kibbuzim ein und überrannten nicht nur Militärposten der IDF, sondern begingen auch an der Zivilbevölkerung maßlose Gräueltaten. Es wird von Vergewaltigungen und Morden an ganzen Familien berichtet, die vor den Angreifern flüchteten. Und auch die Verschleppungen von bis zu 250 Personen aus ihren Häusern nach Gaza, sowie das brutale Massaker an Hunderten Feiernden bei einem Musikfestival durch die Hamas bestimmten in den ersten Tagen die Nachrichten. Es gab beinahe pausenlos Raketenalarm und selbst in Tel Aviv, wo das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome am besten ausgebaut ist, kam es zu direkten Einschlägen von Raketen der Hamas. Medien berichten davon, dass es in Israel kaum jemanden gäbe, der niemanden kennt, der von den Angriffen direkt betroffen ist. Etwa 1000 Zivilist:innen sollen den Angriffen auf Israel bereits zum Opfer gefallen sein. Zehntausende haben während der Angriffe und der Reaktionen der IDF das Umland des Gazastreifens verlassen. Genauso im Norden des Landes, wo die israelische Armee ein militärisches Sperrgebiet entlang der Grenze zum Libanon eingerichtet hat. Auch dort schwelt die Gewalt seit Tagen. Von allen Seiten wird spekuliert, ob und wenn ja wie, die Hisbollah aus dem Libanon in den Konflikt einsteigt.

Auf der anderen Seite des Zaunes um Gaza, dessen Überwindung von der Hamas und der lokalen Bevölkerung zu größten Teilen als Befreiungsschlag gesehen wurde, kam die Reaktion der israelischen Armee direkt und nicht weniger verheerend. Noch am Tag der Angriffe auf Israel, verstärkt aber nach der Rückeroberung der Ortschaften außerhalb des Gazastreifens, begann die israelische Luftwaffe mit Bombardierungen im Gazastreifen. Allein in den ersten sechs Tagen sollen rund 6000 Bomben auf Gaza abgeworfen worden sein. Laut Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde wurden über 5000 Menschen dabei bis zum 25. Oktober getötet, darunter, nach palästinensischen Angaben, über 2000 Kinder, die WHO zählt weit über 10.000 Verletzte. Die Krankenhäuser im Gazastreifen befinden sich seit dem am absoluten Limit, wenn sie nicht sogar schließen mussten. Viele Krankenhäuser mussten aufgrund von Personalmangel und Probleme der Energieversorgung ihre Arbeit sogar einstellen. Die Blockaden von Hilfs- und Lebensmittellieferungen, sowie der Strom- und Wasserversorgung nach Gaza haben das Leben der Zivilbevölkerung zu einem täglichen Überlebenskampf gemacht. Die WHO und andere Hilfsorganisationen warnen seit Beginn der totalen Blockade vor einer humanitären Katastrophe. Wiederholt haben falsche Versprechungen auf Hilfslieferungen, sowie die wiederholte Bombardierung des einzigen Grenzübergangs von Gaza nach Ägypten, durch Israel die Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage schrumpfen lassen. Ob die wenigen Dutzend Lastwägen die seit Samstagmorgen nach langem Ringen von Ägypten nach Gaza einfahren konnten, lässt sich bezweifeln, zumal die Hilfslieferungen noch immer ein heißes Thema auf dem internationalen Parkett sind.

Die wiederholte Aufforderung Israels an rund eine Million Menschen in Gaza, also knapp die Hälfte der Bevölkerung, den Norden des Landes zu räumen, hat zu Panik und einer Massenflucht in den Süden der Enklave geführt. Überfüllte Unterkünfte und das anhaltende Bombardements der eigentlich als sicher deklarierten Strecke in den Süden verschlimmern die humanitäre Situation weiter. In den vergangenen Tagen sind auch immer wieder Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, welche aufgrund der großen Anzahl an transportunfähigen Verletzten nicht evakuiert werden können, unter Beschuss geraten. 

Diese viel zu kurze Aufzählung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, können den Schmerz und das Leid den die Menschen, Familien und Gesellschaften vor Ort aktuell erleben nicht einmal annähernd darstellen.

Die letzten mittlerweile zweieinhab Wochen waren für die Menschen in der Region und ihre Angehörigen im Ausland eine reine Tortur, anders kann die Situation nicht beschrieben werden. Befürchtungen über eine Ausweitung des Konflikts, einer möglichen Beteiligung der Hisbollah oder gar dem Iran und die Verlegung von US-Militärschiffen in die Region, haben uns in den vergangenen Tagen in den Abgrund blicken lassen, der sich auftun würde, sollte dieser Konflikt weiter eskalieren. Wenn der Konflikt sich auf den Libanon oder Syrien ausweiten würde, wäre eine tatsächliche Explosion des Pulverfasses im Nahen und Mittleren Osten so gut wie gewiss. Dies würde nicht nur die Verlängerung der Liste, der an dem Konflikt beteiligten Parteien und Gruppen bedeuten, sondern ganz konkret die Bedrohung des Lebens von Hunderttausenden in der ganzen Region – ein Vielfaches dessen, was wir bereits jetzt in Israel und Palästina sehen. Der Konflikt zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran und seinen zahlreichen Verbündeten auf der anderen Seite schwebt wie ein drohender Schatten über allen Schritten, die Hamas, IDF und Hisbollah in diesen Tagen auch nur erwägen.

Während in der Berichterstattung zumeist die Militärs, die Präsidenten und Minister, die Diplomaten und Kriegstreiber aller Seiten die Aufmerksamkeit bekommen, sind die zivilen Opfer oft nur eine Randnotiz. So geht es, selbst bei den möglichen Hilfslieferungen an Gaza oder Geiselbefreiungen, inzwischen teilweise unverhohlen darum, den israelischen Angriff zu ermöglichen und nicht in erster Linie darum, Menschenleben zu schützen. Von rassistischen Äußerungen durch israelische Politiker:innen, und auch aus Deutschland kommender Billigung von Kriegsverbrechen und Vertreibungen durch die IDF, ganz zu schweigen. Auf der anderen Seite sprich in Medien der Hamas sieht das genauso aus. Mit antisemitischen Stereotypen soll jüdisches Leben im Nahen Osten delegitimiert werden.

Weder die zivilen Opfer auf beiden Seiten, noch die zum Teil rassistische oder antisemitische Propaganda, welche auf beiden Seiten existiert, dürfen aber darüber hinwegtäuschen, dass es sich keinesfalls um einen symmetrischen Konflikt handelt. Die Mittel der Hamas oder des Islamischen Jihad sowie ihre Ideologie sind falsch, doch sind sie nicht der Ursprung oder Anfang des Konflikts. Der Kampf des palästinensischen Volkes um Befreiung, sowie gegen die seit Jahrzehnten anhaltende Vertreibung, Unterdrückung und Verleugnung auf internationaler Ebene ein legitimer Kampf. Und dieser Kampf ist auch nicht aus dem Nichts entstanden, er ist die natürliche Reaktion auf die Ungerechtigkeiten, die das palästinensische Volk im Laufe der Geschichte erdulden musste, und dazu gehört neben der kolonialen Geschichte eben auch die daraus resultierende Staatsgründung Israels, die damit verbundene Nakba, also die Vertreibung von rund 700.000 Palästinenser:innen aus dem heutigen Israel und das fehlende Recht auf Rückkehr, die Besatzung im Westjordanland und der Siedlungsbau, der in den letzten Jahren immer gezielter von der israelischen Regierung vorangetrieben wurde, die jahrelange Blockade des Gazastreifens, anhaltende und alltägliche Razzien im Westjordanland, dazu zunehmende Gewalt durch die von der israelischen Regierung gestützten Siedler. Gegen all diese Entwicklungen und Unterdrückungen befand sich das palästinensische Volk immer in der Defensive. Nur wenn dieser Umstand anerkannt wird, kann der Konflikt voll und ganz verstanden werden und begriffen werden wo die Unterschiede zwischen den Parteien und den Anliegen und Kämpfen der Bevölkerung liegen.

Die letzten 75 Jahre haben aber gezeigt, dass keine der Seiten die heute den Konflikt auf dem Rücken der Zivilbevölkerung austragen, tatsächlich in der Lage ist, die Situation zu lösen, auch weil sie nicht der gesellschaftlichen Realität des Nahen Ostens entsprechen.

Weder die zionistische Bewegung, noch islamistische Kräfte sind aufgrund ihrer Ideologie in der Lage, eine gesellschaftliche Vielfalt, wie sie vor Ort und auch in anderen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens für Jahrtausende existiert hat, zu akzeptieren. Noch nie war der Nahe Osten nur jüdisch oder nur muslimisch besiedelt. Nie war der Nahe und Mittlere Osten ethnisch, religiös oder kulturell homogen. Das bedeutet nicht, dass es in der Vergangenheit keine Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen gab. Aber es bedeutet, dass jegliche Konzepte und politische Ideen, die diese Vielfalt nicht anerkennen und als Grundlage nehmen, zum Scheitern verurteilt sind. Diese Konzepte haben innerhalb des letzten Jahrhunderts zu Vertreibungen und Massakern in Form der Nakba und der Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus allen Teilen der muslimischen Welt geführt.

So können durch diese Konzepte vielleicht nationalstaatliche Interessen oder fundamentalistische Agenden durchgesetzt werden, doch sie sind dazu verurteilt, darin zu scheitern, eine freie und gleichberechtigte Zukunft der ethnischen, religiösen und kulturellen Gemeinschaften im Nahen und Mittleren Osten erschaffen zu können.

Wer dies tatsächlich als Ziel hat, kann sich nicht auf die eine oder die andere Seite dieses Konfliktes schlagen. Weder jene, die davon sprechen, dass die Bewohner:innen von Gaza Tiere seien, die ja zur Not auch einfach in andere muslimische Länder gehen könnten, noch jene, die vom Judentum als Tumor reden und es im Nahen und Mittleren Osten auslöschen möchten, können als Teil eines gerechten Widerstandes oder einer legitimen Verteidigung der Gemeinschaften angesehen werden, die sie vorgeben, zu vertreten.

Es gibt ein Recht des palästinensischen Volkes, sich gegen Vertreibung, Besatzung und Völkermord zu wehren und für regionale und internationale Anerkennung und Selbstbestimmung zu kämpfen. Genauso gibt es das Recht des jüdischen Volkes, im Nahen und Mittleren Osten in Frieden und Freiheit zu leben. Diese Sätze sind allerdings nicht mit einem „Aber“ oder einem „Jedoch“ zu trennen. Sie sind keine Gegensätze, sondern werden und können nur gemeinsam erreicht werden. Die nationalstaatlichen Konzepte von Zionismus, Panarabismus, Ein-Staaten-, Zwei-Staaten- oder Drei-Staaten-Lösung – oder gar internationaler Treuhand, wie sie in der taz vor wenigen Tagen ausgegraben wurde, die aber nicht weniger wäre als eine weitere koloniale Intervention durch die „internationalen Gemeinschaft“ – haben nichts mit den Rechten, der Freiheit oder der Selbstbestimmung des jüdischen oder des arabischen Volkes zu tun.

Die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) veröffentliche zu dem Konflikt seit dem 7. Oktober bereits mehrere Stellungnahmen und stellte mit aller Deutlichkeit dar: „Die staatsfixierte Mentalität ist die Ursache für die Probleme der Gesellschaften und der Menschheit. Die Probleme sind mit der Durchdringung der Gesellschaften durch das staatlich orientierte Denken in der Geschichte der Menschheit bis heute immer weiter gewachsen.“ Das bedeutet auch, dass die Gesellschaften zu weiten Teilen die Argumente und Vorgehensweisen der Staaten übernommen haben. Die staatliche Mentalität hat die gegenseitigen Vernichtungswünsche und -Bestrebungen erst hervorgebracht und heizt diese immer weiter, auch in der Bevölkerung selbst, an. Daraus ergibt sich auch, dass die Lösung des Problems nicht im militärischen Sieg der einen über die anderen oder ein militärisches Patt oder ein wie auch immer geartetes Friedensabkommen zwischen zwei Staaten liegen kann, wie es sie schon so oft in der Vergangenheit gab.

„Probleme lassen sich nicht, wie oft behauptet wird, durch die Gründung weiterer Staaten lösen. Im Gegenteil, die Probleme können nur durch den Aufbau einer demokratischen Nation auf der Grundlage einer freien, gleichberechtigten und demokratischen Selbstverwaltung gelöst werden. Die Probleme sowohl des jüdischen als auch des palästinensischen Volkes können auf diese Weise gelöst werden. Die Menschen in Jerusalem, das von drei Religionen als heilig angesehen wird, und in der uralten palästinensischen und israelischen Region könnten mit diesem Modell am besten in Freiheit und Frieden leben.“

„Alle Probleme im Nahen Osten […] können nur durch die Überwindung der nationalstaatlichen Mentalität gelöst werden.“

Konkret bedeutet dies, sich in der aktuellen Situation weder mit der Hamas als Akteur, noch mit dem israelischen Staat, sondern mit der Zivilbevölkerung jenseits der Frontlinien zu solidarisieren. Es bedeutet, sich für die Geiseln einzusetzen, die noch immer in der Gefangenschaft der Hamas sind. Es bedeutet aber auch, sich klar gegen die die Bombardierungen des Gazastreifens und die drohende Bodenoffensive zu stellen, die Zehntausende zivile Todesopfer zur Folge hätte. Es bedeutet, die Verbrechen der Hamas als ganz klar das zu benennen, was sie sind – „männlich dominierte, faschistische Angriffe“, wie es die Gemeinschaft der Frauen Kurdistans ausdrückte – aber zugleich die gerechte Sache des palästinensischen Volkes zu unterstützen. Es bedeutet, keine noch so moralisch anmutende Bündnisse mit der NATO oder dem Iran einzugehen.

Aktuell deutet wenig auf eine Deeskalation der Lage oder auf ein Aufatmen für die Zivilbevölkerung hin. Im Gegenteil droht der Konflikt sich wie bereits erwähnt auf weite Teile des Nahen und Mittleren Osten auszuweiten – Ein Szenario, das, mit Blick auf der jetzt schon hohen Zahl an zivilen Opfern, mit dem Ausmaß des Ukrainekriegs vergleichbar sein könnte, oder sogar darüber hinausgehen könnte.

Auch hier in Deutschland führt der Konflikt zu massiven Diskussionen und von staatlicher Seite zu einem massiven autoritären innenpolitischen Feldzug. Auf diese Aspekte wollen wir im zweiten Teil dieses Textes eingehen, den wir in den kommenden Tagen veröffentlichen werden.

Earth Social Conference 2023: Im Gespräch mit Fridays for Future Köln

Ihr wart auf der Earth Social Conference, was war das für eine Konferenz und wieso habt Ihr euch als FFF Köln daran beteiligt?

Im Sommer hatten wir in Köln Besuch von Aktivist:innen aus Botswana, die uns von der ESC, damals noch unter dem Arbeitstitel „Contra-COP“ bekannt, erzählt haben. Sie haben uns eingeladen, an dem Prozess der Entstehung der Konferenz mitzuarbeiten. Zunächst sollte die Konferenz in Islamabad, Pakistan stattfinden und wurde jedoch aufgrund der Sicherheitslage in die Region Casanare, Kolumbien verlegt. Als wir uns relativ sicher waren, dass wir teilnehmen werden, sind wir mit in die Vorbereitung und Organisation eingestiegen.

Das verbindende Element aller Teilnehmer:innen war das Bewusstsein, dass die COP uns auch dieses Jahr nicht näher an eine klimagerechte Welt bringen würde, obwohl es mittlerweile super dringend ist und wir deshalb unbedingt selber aktiv werden müssen. 

Die ESC schreibt dazu: “We know we need to apply the emergency brake to avoid earth system collapse” und “We are the ones we have been waiting for.”

Als FFF Köln hatten wir großes Interesse daran, diesen Gegenpol zur COP aufzubauen und waren außerdem schon seit Langem auf der Suche nach einer global abgestimmten Strategie der Klimabewegung, um weltweit effektiv gegen den Klimawandel kämpfen zu können. Dieses große Potential haben wir in der ESC gesehen.

Die ESC stellt eine Gegenveranstaltung zur Conference of Parties (COP), welche dieses Jahr in Dubai stattgefunden hat, dar. Was ist die COP28, was sind ihre Ziele und wieso ruft die ESC dazu auf, diese zu boykottieren?

Die COP ist die weltweite Klimakonferenz der Vereinten Nationen; sie fand das erste Mal 1995 in Bonn statt. 2015 wurde auf der Konferenz das Pariser Klimaabkommen geschlossen, an das sich die Länder des globale Nordens bis heute nicht halten. Dieses Abkommen hatte zum Ziel, die Erhitzung der Erde auf 1.5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen; zur Zeit sind wir auf dem Weg die 2.7 Grad zu erreichen.

Die COP ist unter Anderem ein Ort, an dem sich verschiede Akteure aus Klimaschutz und Politik zusammensetzen können – dies ist aber in den letzten Jahren immer mehr zu einer Veranstaltung geworden, die den Klimaschutz eher aufhalten will.

Die ESC hat zum Boykott aufgerufen, da es nicht mehr die Zeit ist, dass wir uns mit weiteren Runden voller leeren Versprechungen oder Absichtserklärungen zufrieden geben, es ist Zeit die COP zu boykottieren und einen anderen, realistischen und weltweiten Prozess ohne den Einfluss der fossilen Lobby zu starten.

Worum ging es auf der ESC? Mit welchen Themen hab Ihr euch beschäftigt und über was habt ihr diskutiert? Ihr kamt von den unterschiedlichsten Orten der Welt, von Peru bis Portugal und aus vielen weiteren Ländern, wie hat sich das auf eure Diskussionen ausgewirkt?

Es waren Teilnehmer:innen aus fast allen Kontinenten anwesend, leider haben alle Delegationen aus Afrika im letzten Moment doch keine Visa bekommen und konnten nur virtuell teilnehmen.

Ganz wichtig war bei der Konferenz die kulturelle und sprachliche Übersetzung – nicht nur bedeuten Begriffe in verschiedenen Kontexten verschiedenes, sondern sind die Herangehensweisen an Klimaschutz grundsätzlich unterschiedlich.

Konferenzsprachen waren Spanisch und Englisch, es war ein aktivistisches Übersetzungskollektiv vor Ort, das sich um die Simultanübersetzung gekümmert hat.

Die wesentlichen Themenbereiche der Konferenz waren:

– Vision – wie kann eine klimagerechte Welt aussehen?

– Theory of Change – welche Veränderungen müssen passieren, um eine klimagerechte

Welt zu erreichen?

– Strategie – mit welchen Strategien können wir diese Veränderungen erreichen?

– Organisation – wie müssen wir uns organisieren, um die Strategien umzusetzen?

Die Konferenz hatte im Programm zunächst Sessions, um diese Themenbereiche vorzubereiten und im Anschluss Workshops um eine gemeinsame Vision und Strategie zu erarbeiten. Aus dem globalen Norden kamen oft ökosozialistische Visionen und radikale Wege dorthin auf; aus dem globalen Süden eher an der Natur orientierte Visionen.

Ihr habt auch im Rahmen der Konferenz über die Rolle der Frau und der Jugend gesprochen, oder? Was spielen diese für eine Rolle im Kampf gegen den Klimawandel und für eine befreite Gesellschaft?

Unsere Rolle als Jugend ist extrem wichtig, da wir am meisten unter der Kimakatastrophe leiden, wir sind aber auch die Generation, die eine neue Gesellschaft bauen kann. Deswegen sind wir die wichtigsten revolutionären Subjekte, beziehungsweise diejenigen, die die notwendide Evolution aktiv gestalten können. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Patriarchat und Kapitalismus – der Kapitalismus spiegelt paternalistische und patriarchalische Werte wieder. Eine klimagerechte Welt kann nur Hand in Hand mit feministischen Veränderungen entstehen.

Sind aus den vielen Diskussionen auch Pläne für die Zukunft und weitere Vernetzung entstanden? Wenn ja, welche und kann man da mitmachen?

Ja, es gibt sogar zwei geplante Handlungsstränge für die Zukunft:

– Einerseits soll es im nächsten Jahr wieder eine Earth Social Conference geben, die mit mehr Teilnehmer:innen die Aktionen zur COP30 in der Amazonasregion vorbereiten soll.

– Ausserdem gibt es einen Zusammenschluss von einem Teil der vertretenen Organisationen, die direkte Aktionen gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung planen; wir nehmen daran jedoch nicht Teil.

Am 8. Januar gibt es ein erstes virtuelles Treffen zu beiden Handlunsgssträngen, hier geht’s zur Anmeldung.

Parallel hat ja die COP28 stattgefunden, wie blickt ihr auf die Ergebnisse der COP28? Seht ihr darin irgendeine Form von positiver Entwicklung?

Nein. Es gab nur weitere Absichtserklärungen ohne konkrete Handlungen.

Zum Schluss hätte ich noch die Frage, was ihr von der Konferenz gelernt habt und unbedingt mit allen Jugendlichen hier teilen wollt?

Auf jeden Fall haben wir gelernt, dass es weltweit viele verschiedene Ansätze gibt und viele Menschen, denen unser Planet am Herzen liegt. Wir haben gelernt, dass Entfremdung (im Marx’schen Sinne) nicht nur die Arbeit, sondern auch das Leben in einer Gemeinschaft beziehungsweise der Gesellschaft betrifft.

Wir nehmen aber vor Allem mit, dass es nicht reicht, nur gegen Kapitalismus und Klimawandel zu sein, sondern dass es extren wichtig ist, eine positive Vision von der Welt zu entwickeln, in der wir leben wollen.

Dazu wird in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr kommen.

Nord Stream – Ein Musterbeispiel von Berichterstattung in Kriegszeiten

Die Sprengung der Nord Stream Pipelines führte zu einer Vielzahl von Spekulationen und mittlerweile zwei sich gegenüberstehenden Theorien wer es gewesen sein könnte. Auch die neuesten Veröffentlichungen bieten keinen Aufschluss und sind kein Teil eines Wahrheitsfindungsprozesses, sondern auch Teil eines Kampfes um die öffentliche Meinung.

Die Sprengung der Nord Stream-Pipelines in der Nacht zum 26. September letzten Jahres war wohl eines der wichtigsten Ereignisse im Rahmen des Krieges in der Ukraine, das sich selbst nicht auf dem ukrainischen Staatsgebiet abgespielt hat. Schon vor Beginn des Krieges war die neu gebaute Pipeline Nord Stream 2 von vielen Seiten umstritten, Umweltverbände und Klimagerechtigkeitsbewegung kritisierten den Bau wegen dem Ausbau fossiler Infrastruktur, Andere Kritisierten den Bau wegen der zunehmenden Abhängigkeit von Russland und die Grünen vermischten mal wieder beides und spielten mit beiden Karten. Doch so klar wie niemand anderes sprachen sich die USA gegen den Bau und die Inbetriebnahme aus. Vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 sagte US-Präsident Biden noch, sollte dieser Fall eintreffen, werde es kein Nord Stream mehr geben, welche Mittel er genau dafür einsetzen werde sagte er allerdings nicht.

Und trotz dieser umfassenden Debatten war die Debatte nach den Detonationen und der recht schnellen Eindeutigkeit, dass es sich bei den Explosionen um gezielte Sprengungen gehandelt hat, darüber wer dahinter steckt recht schnell vorbei, als ob diese Pipelines, über die so intensiv und lange diskutiert wurde doch nicht so relevant sei. Und schnell hatten sich alle von CDU bis linksliberale insgeheim ohne einen wirklichen Beweis oder ein Motiv darauf geeinigt, dass es ja sicher Putin gewesen sein müsste. Aus dem ZDF-Satiremagazin Heute Show hört man damals: „Nord Stream 1 und 2 wurden an vier Stellen kaputtgemacht. Aber bitte keine Vorverurteilungen! Bei diesem Fall sind noch jede Menge Fragen ungeklärt. Zum Beispiel, welche Nation dahintersteckt oder wie genau die russischen Kampftaucher das gemacht haben.“

Erst Anfang Februar kam das Thema wieder auf die Agenda, als der Investigativ-Journalist Seymour Hersh einen Bericht vorlegte, in dem er unter Berufung auf eine Quelle im US-Militär beschreibt wie dieses, in Zusammenarbeit mit dem NATO-Partner Norwegen die Sprengungen im Herbst 2021 vorbereitete und schließlich durchführte. Hersh, der dutzende Enthüllungen im Laufe seiner Karriere ans Licht brachte, war bei westlichen Medien schnell unten durch und wird heute nur noch mit dem Adjektiv „umstritten“ benannt, wenn nicht sogar wie es das ZDF am 6. März tat als „Ehemligen Starjournalisten, der aber heute eher als Blogger mit Verschwörungstheorien unterwegs ist“ bezeichnet. Während sich also mit seinem Bericht kaum auseinandergesetzt wurde und eher er selbst, als der Bericht angegriffen wurde, war es erst der 6. März, der erneut das Thema der Täterschaft aufmachte. 

Angeblich hätten deutsche Behörden eine Spur in die Ukraine gefunden, wobei auch dabei die bis dato veröffentlichten Ermittlungsergebnisse eher mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten. Eine Gruppe von 6 Personen habe in Rostock eine Segelyacht bestiegen, die von einer polnischen Firma mit ukrainischen Besitzern angemietet worden sei. Die Yacht sei mit dem Sprengstoff beladen worden und schließlich ausgelaufen, um den Sprengstoff durch die beiden Taucher an Bord an den Pipelines anbringen zu lassen. Die Personen sollen Teil einer pro-ukrainischen Gruppe sein und bei der Anmietung des Bootes gefälschte bulgarische Pässe vorgelegt haben. An Bord dieser Yacht sollen bei einer Durchsuchung im Januar schließlich Spuren von Sprengstoff gefunden worden sein. 

Dass diese Version ihre Lücken hat, wurde schon kurz nachdem sie zum ersten mal präsentiert wurde angemerkt, so war ein Hafen, in dem laut der Recherche die Yacht halt gemacht haben soll, gar nicht tief genug, dass das Boot dort hätte einfahren können. Eine Verwechslung, so die Erklärung später. Doch auch die Geschichte an sich hat ihre Probleme. Kurz nach der Sprengung waren sich alle Expert*innen sicher, es müsse sich um einen staatlichen Akteur gehandelt haben, private Personen hätten nicht die Fähigkeiten eine solche Aktion durchzuführen. Und jetzt soll es doch eine nicht näher definierte „pro-ukrainische Gruppe“ sein, die aber, so wenig man auch weiß, sicher nichts mit der ukrainischen Regierung zu tun habe. Auch wie eine solche Gruppe von deutschen Behörden in der aktuellen angespannten politischen Situation und der Angst um die kritische Infrastruktur, unbehelligt mit mehreren Hundert Kilogramm Sprengstoff in den Hafen in Rostock fahren konnte und ihn dort auf eine Yacht verladen konnte, lässt zumindest stutzen.

Wer genau hinter den Explosionen steckt, wird noch lange Thema von Spekulationen bleiben, wenn es überhaupt je zu einem eindeutigen Ergebnis der verschiedenen Ermittlungen kommen sollte. Doch allein der Umgang mit den verschiedenen Berichten lässt tief blicken, was Berichterstattung und öffentlichen Diskurs angeht. 

Die Reaktion auf den Bericht von Seymour Hersh war von Anfang an, noch bevor sich Lücken in seinem Bericht auftaten, eine Diffamierungskampagne in seine Richtung, die ihn selbst angegriffen hat. Aufschluss darüber liefert zum Beispiel auch ein Blick auf seinen Wikipedia Artikel. Heute gibt es bei ihm ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Zunehmend kritisch beurteilte Untersuchungen“, unter dem seine Arbeiten der letzten Jahre aufgeführt werden, ganz nach dem bereits oben genannten Narrativ von „heute eher Blogger mit Verschwörungstheorien“. Tatsächlich ist dieses Kapitel auf seiner Wikipediaseite aber erst Anfang März aufgemacht worden. Zuvor waren die Arbeiten, die er nach 2011 veröffentlichte wie alle anderen auch präsentiert worden.

Zugleich wurden aber die Berichte über die Ermittlungen deutscher Behörden als Bare Münze genommen und selbst als Ungereimtheiten aufgezeigt wurden verteidigt und davon spekuliert, dass es ja auch sein könne, dass es sich um eine geschickte False-Flag Aktion gehandelt habe, ohne, dass es dafür irgendwelche Anhaltspunkte gegeben habe.

Und dies ist kein Muster, dass nur hierzulande zu beobachten ist. Auch in Russland ist die Auseinandersetzung über die Täterschaft der Sprengungen ähnlich geführt worden, nur war es hier der Bericht von Hersh, der sofort bestätigt und durch die Medien gejagt wurde.

Der Öffentlichkeit muss in Kriegszeiten, mehr noch, als in Friedenszeiten bewusst sein welchen Stellenwert Medien und Berichterstattung haben. Staatliche Maßnahmen, Gesetzesvorhaben, konkrete Beschlüsse außenpolitisches Handeln etc. muss immer von bestimmten Erzählungen unterfüttert werden. Dies muss nicht bedeuten, dass alle Berichterstattung vom Staat kontrolliert wird, es kann auch bedeuten, dass sich nicht staatliche und staatliche Stellen in einem bestimmten Narrativ gegenseitig unterstützen. Und dass es diese nichtstaatlichen Stellen zuhauf gibt zeigt sich auch an der massiven medialen Kampagne für die Kriegsindustie in der diese immer mehr Geld fordert um ihre Produktionsfähigkeiten anzuheben. Auch ist Nord Stream nur ein Beispiel dafür unter vielen, allein im Kontext von Militär und Krieg gibt es eine ganze Reihe von Themen die mit diesem kritischen Blick betrachtet werden müssen, sei es das Narrativ, dass die Bundeswehr so schlecht ausgestattet sei und deshalb unbedingt 100 Milliarden Euro brauche, oder das Narrativ, dass die jeweils andere Kriegspartei kurz vor dem Kollaps stünde und ein vielfaches mehr an Toten und Verletzten zu beklagen habe, während von der anderen Seite das genaue Gegenteil behauptet wird, was auch einfach durchzusetzen ist, weil niemand die genauen Zahlen an Menschenleben kennt die zwischen Kriegsgerät zerrieben werden.

15. Januar 2023

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