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Kriegstüchtig? Nein danke – Interview mit „Schulstreik gegen Wehrpflicht“

SsgW: Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe. Ein Grund ist, dass es wichtig ist, dass junge Menschen sich dagegen einsetzen, dass diese Regierung bestimmen wird, wie sie im Zweifel ein halbes Jahr, oder auch ein Jahr ihres Lebens zu verbringen haben. Und die Regierung sagt: „Naja, ihr müsst eben in Kasernen, ihr sollt militärischen Drill erfahren, ihr sollt lernen, im Zweifel auf andere Menschen zu schießen und das im Interesse dieses Staates“. Dagegen lohnt es sich schon an sich, sich einzusetzen. 

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir sagen: Es werden diese Menschen sein, also der Jahrgang 2008, oder die Geschwister von diesen Leuten, die als erstes gemustert werden und im Zweifel als erstes eingezogen werden. Und diese Leute haben eben gerade kein anderes Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, um laut zu werden, um tatsächlich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als in den Schulen zu streiken.

Ein weiterer Aspekt, warum das an den Schulen besonders wichtig ist, ist, dass man dort ganz direkt merkt, dass die Interessen von jungen Menschen dieser Regierung wirklich einfach egal sind. Ich habe das selbst erlebt. Meine Schule hatte im Winter keine Heizung, im Sommer haben Leute bei 40 Grad im Klassenzimmer gesessen. Es fehlen zehntausende Lehrkräfte und die jungen Menschen haben immer mehr Zukunftsängste, sitzen in der Schule und sollen sich dann für diese Regierung im Zweifel mit ihrem Leben einsetzen. Das wird so nicht funktionieren und das lehnen wir ab. Und darum alleine lohnt es sich schon, am 5.12. für seine eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

SsgW: Wir glauben, dass es wichtig ist, ganz klar zu machen, dass das tatsächlich nur der erste Schritt hin zu einer Wehrpflicht ist. Das wird ja jetzt, während Sie gerade schon dieses Gesetz zur Musterung durchbringen, ganz klar in den Medien von CDU, CSU, aber auch SPD-Vertretern so besprochen. Da wird dann gesagt: „Naja, wir versuchen das jetzt mal mit Freiwilligkeit. Wir setzen auch noch ein paar Anreize, ein paar Euros mehr, einen Führerschein. Aber wenn das nicht reicht, dann machen wir eben den Zwang“. Es wurde ja jetzt bereits schon kritisiert, dass dieses Gesetz zu lasch sei. Das heißt, wir betrachten das als den ersten Schritt hin zur Wiederaktivierung der Wehrpflicht.

Und ich glaube, das leitet sich auch einfach daraus ab, dass gesagt wird, „wir wollen kriegstüchtig sein“. Das soll im Jahr 2029, 2030 soweit sein. 

Gleichzeitig sagt zum Beispiel der Bund der deutschen Reservisten: „Wenn ein Krieg gegen Russland ist, sterben 5000 Soldaten am Tag. Das wird sich so nicht ausgehen“. Das ist eine Rechnung, die ganz deutlich so gemacht wird.

Und darum glauben wir, dass man sich da nicht verarschen lassen und das einfach nur so hinnehmen darf als eine nette, abgemilderte Form, sondern eben als einen ersten Schritt hin zur Reaktivierung.

SsgW: Es gibt sehr zwiegespaltene Reaktionen auf die Streiks. Einige Lehrkräfte und Schulleitungen unterstützen das im Rahmen des Möglichen, die sagen, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler nicht bestrafen werden.

Die sagen im Zweifel sogar, dass sie vielleicht mitmachen werden. Das begrüßen wir und freuen uns darüber, wenn die sagen: „Unsere Schülerinnen sind eben die, die im Zweifel in den Krieg müssen. Und wir setzen uns an ihrer Seite dafür ein, dass das eben nicht passiert.“

Es gibt aber auch den Gegenfall. Ich kann das am Göttinger Beispiel ein bisschen deutlich machen. Wir hatten Fälle in denen Leute gesagt haben, wir unterstützen die Sache, wir versuchen sogar vielleicht selbst zu streiken. Aber eben auch Fälle, dass Schulleitungen Plakate immer wieder abnehmen, dass sie versuchen, Schülerinnen und Schüler ganz explizit anzusprechen, wenn sie flyern, wenn sie Plakate aufhängen und ihnen damit quasi versuchen auszureden, das zu tun oder sie sogar versuchen einzuschüchtern, indem sie Konsequenzen androhen und sagen: „Wenn du streikst, werden wir das aufschreiben. Wenn du Leute dazu anstiftest, ist das ein riesiges Problem. Das darf man gar nicht in der Schule zu solchen Streiks aufrufen, etc.“

Wir haben aber auch erlebt, dass versucht wurde, zum Beispiel SV-Treffen (Schüler:innenvertetungen) zu verhindern, die sich in Solidarität mit dem Streik äußern wollen. In solchen Fällen versuchen wir, das aufzufangen, versuchen, das bekannt zu machen und versuchen auch gerade den Aktiven, die von solchen Einschüchterungen betroffen sind, Mut zu machen und zu sagen, wenn du zu solchen Treffen mit Lehrern, mit Schulleitungen musst, dann geh da nicht alleine hin. Diese Bewegung steht hinter dir und wir lassen uns da nicht einschüchtern.

Wir wissen, dass das ein gezielter Regelbruch ist und das wollen wir auch so machen. Wir brauchen da im Zweifel nicht die Zustimmung. Und es ist super, wenn wir da unterstützt werden. Wenn nicht, werden wir das ohne sie tun. Und das muss klar sein.

SSgW: So wie wir das bisher wahrgenommen haben, auch in Umfragen, die zum Beispiel für die Mobilisierung des Streiks gemacht werden, ist ein Großteil der jungen Menschen an den Schulen auch gegen die Wehrpflicht und ist bereit, sich dagegen einzusetzen. Ich glaube, es gibt schon auch in jeder Schule, wahrscheinlich sogar in jeder Klasse, Menschen, die diesen Lügen oder diesen Anbiederungsversuchen gerade auf den Leim gehen. Das hat ganz verschiedene Gründe.

Ich glaube, einige fallen tatsächlich einfach auf dieses Narrativ rein, es wäre was Gutes, sich für diese Regierung mit der Waffe in der Hand einzusetzen oder glauben, die Bundeswehr wäre ein ganz normaler Arbeitgeber, wo man so ein Abenteuer erleben kann. Dann versuchen wir eben auch ganz klar aufzuzeigen, dass das nicht so ist.

Es gibt unfassbar viele Missbrauchsvorfälle in der Bundeswehr. Das Ziel da ist, dich eben auch zu brechen und den militärischen Drill einzufüttern. Und dass es kein normaler Arbeitgeber ist und eben auch ganz besonders kein Abenteuerurlaub, sondern ein Ort, wo du eben lernen sollst, im Zweifel für diesen Staat zu sterben und andere Menschen für ihn zu töten. Eine andere Sache, die glaube ich sehr wohl verfängt, sind diese materiellen Anreize. Das bedeutet, wenn du gerade in einer Oberstufe sitzt und ganz klar ist, du findest erstmal keine gute Ausbildung, du findest erstmal keinen guten Job und du möchtest eben nicht für ein paar Euro in der Stunde irgendwo einen Scheißjob machen, dann sind diese tausenden Euros, die du beim Bund für das erste Ausbildungsjahr bekommst, schon ein sehr großer Anreiz. Da fallen Leute eben darauf rein, dass sie da mitmachen werden.

Und da versuchen wir eben in die Diskussion zu gehen, und zu fragen, ist das wirklich dieses Geld wert? Ist es wirklich deine Zukunft wert, da jetzt quasi deine Seele an den Bund zu verkaufen, blöd gesagt? Du kommst ja auch ganz schwer aus diesen Verträgen wieder raus. Und da versuchen wir natürlich nicht, den Leuten zu sagen, du, du, du, das ist jetzt ganz böse, sondern eben zu erklären, das ist im Zweifel nicht nur gegen deine eigenen Interessen, sondern eben auch gegen die Interessen deiner Mitschülerinnen und Mitschüler – Fall da bitte nicht drauf rein.

SSgW: Ja, ich glaube, das ist leider sehr wahrscheinlich, dass das so passieren wird. Es muss ganz klar sein, dass der 5.12. nicht das Ende dieser Bewegung sein darf, sondern dass das der Anfang ist. Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, dass die Menschen in den Schulen, in denen es jetzt erste Aktivitäten gab, aktiv bleiben. Dass sie in den Städten aktiv bleiben und dass man sich auf weitere Aktionen vorbereitet und weiter dieser Regierung deutlich macht: Wenn ihr das abstimmt gegen den Willen der jungen Menschen, gegen ihre Interessen, dann könnt ihr euch darauf einstellen, dass wir genauso weitermachen. Dass wir dagegen kämpfen werden und dass wir auch Wege finden werden, wenn das dann eingeführt wir. Und das eben ganz besonders mit dem Fokus auf die Jahrgänge, die das auch betrifft.

Aufsteiger und Abgründe: Wer sind Merz‘ Minister:innen?


Thorsten Frei (51), CDU
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes

Thorsten Frei stammt aus Bad Säckingen in Baden-Württemberg. Kurz vor seinem Abitur trat er in die Junge Union und die CDU ein. Frei leistete seinen Wehrdienst ein Jahr bei der deutsch-französischen Brigade. Danach studierte er Rechtswissenschaft in Freiburg. Von 2004 an war Frei Bürgermeister von Donaueschingen. 2007 wurde er zum stellvertretenden Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg.

Seit 2013 ist er im Bundestag. Von 2018 bis 2021 war Frei stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Darauf folgte der Posten als Parlamentarischer Geschäftsführer. Bis 2018 war Frei Ausischtsrat beim Zentrum für Internationale Friedenseinsätze, Deutschlands zentrales Kompetenzzentrum für ziviles Personal. 2023 sprach er sich in der Zeitung Welt dafür aus, Geflüchtete an der Grenze zurückzuweisen. Im Juli 2024 sprach er sich gegen das Diskriminierungsgesetz aus.


Lars Klingbeil (47), SPD, Finanzminister und Vizekanzler

Klingbeil studierte von 1999 bis 2004 Politikwissen-schaft, Soziologie und Geschichte als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Von 2003 bis 2007 war er stellvertretender Vorsitzender der Jusos und damit Teil des Parteivorstandes. Seit 2009 ist er das zweite Mal Mitglied des Bundestags. Dort war er durchgängig Mitglied des Verteidigungsausschusses.

Früher noch Mitglied der parlamentarischen Linken, einem der drei Flügel der SPD, wechselte er 2015 zum konservativen Seeheimer Kreis. 2017 wurde er Generalsekretär, 21. Parteivorsitzender und im Februar Vorsitzender der Bundestagsfraktion. Bis 2017 war er Mitglied der Lobbyvereine Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik und Förderkreis deutsches Heer.


Alexander Dobrindt (54), CSU, Innenminister

Geboren in Peißenberg, studierte Dobrindt von 1990 bis 1995 Soziologie in München. Zwischen 1993 und 1997 war er stellvertretender Bezirksvorsitzender der Jungen Union. 1996 bis 2005 arbeitete er bei der Maschinenbaufirma Holzner & Sanaij als Kaufmann und später als Geschäftsführer. 2002 zog Dobrindt in den Bundestag ein. Als CSU-Generalsekretär (2009-2013) bezeichnete er 2013 die Befürworter:innen der gleichgeschlechtlichen Ehe als „schrille Minderheit“.

2013 wurde er Bundesverkehrsminister. In diesem Amt verhinderte er die Aufarbeitung des VW-Abgasskandals und sprach sich gegen Sammelklagen gegen VW aus. Er trieb die PKW-Maut voran, obwohl zu dieser Zeit schon vermutet wurde, dass diese gegen EU-Recht verstoßen würde. Am ersten Tag als neuer Innenminister ordnete er entgegen geltendem Recht flächendeckende Grenzkontrollen an.


Johann Wadephul (62), CDU, Außenminister

Dr. Johann David Wadephul, geboren am 10. Februar 1963 in Husum, studierte Rechtswissenschaften in Kiel. Während seiner Studienzeit trat er 1982 in die CDU ein und war bis 1986 Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Von 1997 bis 2000 war er Vorsitzender der CDU Schleswig-Holstein.

Seit 2009 ist er im Bundestag. Dabei war er vorallem im Verteidigungs- und Außenauschuss. 2017 wurde er stellvertretender CDU-Fraktions-vorsitzender. Wadephul ist Mitglied der Lobbyorganisationen European Council on Foreign Relations, die für mehr Aufrüstung der EU eintritt, und war Mitglied im Petersburger Dialog.


Boris Pistorius (65), SPD, Verteidigungsminister

Pistorius stammt aus Osnabrück. Schon seine Mutter war Landtagsabgeordnete. Nach seinem Wehrdienst studierte er Rechtswissenschaften. 2006 wurde er Oberbürgermeister von Osnabrück, 2013 dann Innenminister von Niedersachsen. In dieser Position sprach er sich für die Vorratsdatenspeicherung aus, also die anlasslose Speicherung von Telekommuni-kationsdaten, sowie für eine „Klarnamenpflicht“ im Internet. Zudem ließ er 2021 das Verbot von einigen Antifa-Gruppen in Niedersachsen prüfen.

2023 wurde er Verteidigungsminister und damit zur zentralen Figur der massiven Aufrüstung und Militarisierung Deutschlands unter der Parole der Zeitenwende.


Karsten Wildberger (55), parteilos, von CDU berufen, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung

Wildberger wurde in Gießen geboren. Er studierte Physik in München und Aachen. Von 1998 bis 2003 arbeitete Wildberger als Unternehmensberater bei Boston Consulting. Danach saß er in führenden Funktionen in verschiedenen Unternehmen, wie der Deutschen Telekom AG oder Vodafone. Aber auch beim Energiekonzern E.ON, zu dem auch das Unternehmen Westenergie gehört.

Wildberger ist kein Parteimitglied der CDU, jedoch ist er Mitglied des CDU-nahen Lobbyvereins Wirtschaftsrat der CDU. Zuvor war er Vorstandsvorsitzender der Ceconomy AG und Geschäftsführer von MediaMarktSaturn.


Katherina Reiche (51), CDU, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie

Katherina Reiche wurde in Luckenwalde geboren. Sie studierte Chemie in Potsdam, den USA und Finnland. Bis 1998 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Potsdam. Von 2001 bis 2015 war sie Teil des Landesvorstands Brandenburg. 2002 zog sie in den Bundestag ein. Von 2005 an war sie stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion. Ab 2009 wurde sie dann Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Danach Staatssekretärin im Verkehrsministerium.

2015 legte sie ihr Mandat nieder und wechselte in die Wirtschaft. Bis 2019 war sie Geschäftsführerin beim Verband kommunaler Unternehmen. Ab 2020 wurde sie Vorsitzende der Geschäftsführung von innogy Westenergie. Reiche bezeichnete 2005 Gentechnikgegner:innen als Bioterroristen. 2012 sprach sie sich in der Bild-Zeitung gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus.


Reem Alabali-Radovan (35), SPD, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Alabali-Radovan wurde in Moskau als Tochter irakischer Eltern geboren und wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf. Sie studierte Politikwissenschaften. Von 2015 bis 2018 arbeitet sie in einer Erstaufnahme-einrichtung für Geflüchtete. 2018 wurde sie Büroleiterin im Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern.

2020 wurde sie von Manuela Schwesig zur Integrationsbeauftragen der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern ernannt. 2021 zog Alabali-Radovan in den Bundestag ein und wurde Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration der Bundesregierung. Sie ist die einzige Ministerin im Kabinett Merz mit Migrationsgeschichte.


Carsten Schneider (49), SPD, Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Carsten Schneider stammt aus der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Er machte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und studierte später Public Policy.

Er sitzt seit 1998 ununterbrochen im Bundestag. In dieser Zeit saß er in verschiedenen Ausschüssen, allerdings laut Abgeordnetenwatch weder zu den Themen Umwelt noch zu Klima, Naturschutz oder nukleare Sicherheit. Von 2013 bis 201z war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Zu letzt war er der Ostbeauftragte der Bundesregierung.


Verena Hubertz (37), SPD, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen

Hubertz stammt aus Trier. Nach dem Abitur studierte sie unter anderem in den USA Betriebswirtschaftslehre. Danach arbeitete sie bei verschiedenen Unternehmen, darunter Vodafone und die Commerzbank. Später entwickelte sie als Geschäftsführerin eines Start-ups eine Koch-App.

Seit 2021 sitzt Hubertz im Bundestag und saß dort in den Ausschüssen für Wirtschaft, Wohnen und Tourismus. Hubertz ist Vorstandsmitglied des SPD-Flügels NetzwerkBerlin und Mitglied in der NATO-freundlichen Lobbyorganisation Antlantikbrücke.


Stefanie Hubig (56), SPD, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz

Hubig kommt aus Frankfurt am Main und studierte ab 1988 Rechtswissenschaften. Danach wurde sie zunächst Richterin und später Staatsanwältin. Seit 2005 hat sie in verschiedenen Ministerien als Referentin und Staatssekretärin gearbeitet.

Seit 2016 war sie Ministerin für Bildung in Rheinland-Pfalz. 2020 war sie Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Bisher hatte sie weder ein Bundestags- oder Landtagsmandat inne.


Bärbel Bas (57), SPD, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Bas absolvierte eine Ausbildung zur Bürogehilfin und arbeitete dann als Krankenkassen-Sachbearbeiterin. Über 10 Jahre auch als Betriebsrätin. 2009 zog sie in den Bundestag ein.

In der vergangenen Legislaturperiode war sie Bundestagspräsidentin. Bas gehört zum Flügel der Parlamentarischen Linken innerhalb der SPD. Bisher veröffentlichte Bas ihre Lobbytermine auf ihrer Website. Ob sie es auch als Ministerin tun wird sagte sie noch nichts.


Dorothee Bär (47), CSU, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt

Bär kommt aus dem bayrischen Ebelsbach. Dort war schon ihr Vater Bürgermeister. Sie sitzt seit 2002 fast durchgehend im Bundestag und schloss 2005 ihr Politikwissenschaftsstudium ab.

Als Abgeordnete geriet sie in die Kritik, als herauskam, dass sie ihren späteren Ehemann sowie die Lebensgefährtin ihres Vaters in ihrem Büro beschäftigt hatte. Von 2007 bis 2009 war zudem ein Mitarbeiter der Lobbyorganisation Concilius in ihrem Bundestags-büro angestellt. Bär gilt als konservativ und stellte sich gegen die Abschaffung des Verbots von Abtreibungen. 2024 besuchte sie ultrakonservative Republikaner im Vorwahlkampf in den USA, um sie zu unterstützen.


Karin Prien (59), CDU, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Prien wurde in Amsterdam geboren. Ihre Familie mütterlicherseits waren als Juden vor den Nazis in die Niederlande geflüchtet. Sie absolvierte in Neuwied ihr Abitur und studierte später Rechts- und Politikwissenschaften.

Danach bekleidete sie verschiedene Ämter in der CDU, saß in der hamburgischen Bürgerschaft und war seit 2017 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Prien ist Vorsitzende des jüdischen Forums der CDU und warf dem jüdisch-israelischen Regisseur Yuval Abraham Antisemitismus vor, weil dieser die Situation in der Westbank als Apartheid bezeichnete. Sie bezeichnet die Parole “Free Palestine” als “Schlachtruf einer internationalen Terrorbande”.


Patrick Schnieder (57), CDU, Bundesminister für Verkehr

Geboren 1968 in Kyllburg hat er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Rechtswissenschaften studiert und ist Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.D.St.V. Novesia Bonn im CV. Nach seinem Studium wurde er 1999 Bürgermeister der Verbandsgemeinde Arzfeld, bis 2009. Von 2011 bis 2018 war er Vorsitzender in Rheinland-Pfalz.

Seit 2009 ist er im Bundestag. Im Januar 2018 wurde er zum Parlamentarischen Geschäftsführer. Er war durchgängig Mitglied des Verkehrsausschusses. Schnieder ist seit 2008 Ritter des Ordens des Heiligen Grabes zu Jerusalem und ist im Deutschen Verein vom Heiligen Lande. Beides sind Laienorden der katholischen Kirche, deren Aufgabe es ist, Christen in Israel zu unterstützen. Dafür betreibt der „Deutsche Verein“ verschiedene Kirchen und Pilgerstätten in Israel.


Nina Warken (45), CDU, Bundesministerin für Gesundheit

Nina Warken wurde in Bad Mergentheim geboren. Sie studierte Rechtswissenschaft und arbeitete als Anwältin. 99 trat sie in die Junge Union ein, 2006 wurde sie stellvertretende Bundesvorsitzender der Jungen Union.

2013 zog Wanke das erste Mal in den Bundestag ein. Bei der folgenden Wahl wurde sie nicht wiedergewählt, rückte jedoch nach. Warken ist in vielen hohen Positionen der CDU, darunter Parlamentarische Geschäftsführerin. In ihrer Arbeit im Parlament beschäftigte sie sich mit den Themen Innenpolitik und Recht. Sie war stellvertretende Vorsitzende des 2.Untersuchungsausschuss zur PKW-Maut. 2023 äußerte sich öffentlich gegen eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre.


Alois Rainer (60), CSU, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft

Rainer kommt aus Straubing. Sowohl seine Schwester als auch sein Vater waren Bundestagsabgeordnete. Seine Schwester war ebenfalls Bundesministerin. Er machte eine Ausbildung im Familienbetrieb und übernahm diese später.

1996 wurde er Bürgermeister von Haibach. 2013 zog er in den Bundestag ein. In der vergangenen Legislatur war er Vorsitzender des Finanzausschusses. Als Inhaber einer Metzgerei ist er wenig überraschend gegen höhere Steuern auf Fleisch und kündigte an, dass mehr Fleisch in Kitas serviert werden solle.

Koalitionsvertrag – Und jetzt?

Schon im ersten Satz des knapp 150 Seiten langen Dokuments wird von historischen Herausforderungen gesprochen und dass die Politik der nächsten Jahre maßgeblich darüber entscheiden werde, wie die Zukunft aussehen wird – so weit, so richtig. Weltweit vermehren sich Kriege und Krisen, in immer mehr Ländern gelangen rechte Kräfte an die Macht, die globale Erwärmung befindet sich auf Rekordniveau, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Doch statt Antworten auf diese Krisen zu geben, hält der Koalitionsvertrag an alten Rezepten fest – ein unbeirrtes ‚Weiter so‘. Und steuert sogar noch direkter Richtung Abgrund.

Im Koalitionsvertrag zeichnet sich das Bild eines Staates ab, der neoliberale Wirtschaftsinteressen, mehr Überwachung und militärische Stärke in den Vordergrund stellt. An welchen Forderungen machen sich diese Schlagrichtungen fest, wie ist der Zeitplan bis eine neue Regierung steht und wie sieht die „Verantwortung für Deutschland“ aus? Der Artikel will diese Fragen beantworten.
Ein Blick auf die wirtschaftspolitischen Pläne zeigt, wohin die Reise gehen soll.

Deutschland soll weiterhin eine Industrienation und „Mittelstandsland“ bleiben. Dafür sollen weitere Handelsabkommen geschlossen, das Lieferkettengesetz ausgesetzt sowie Regulierungen und Berichtspflichten für Unternehmen verringert werden.
Gleichzeitig soll die Industrie von niedrigeren Stromkosten, umstrittenen CO₂-Speicherungsmethoden und Wasserstofftechnologie profitieren – besonders die Stahl- & Chemieindustrie soll gefördert werden. Das ausgerufene Ziel ist es, ein Potentialwachstum von 1% des BIP für die Gesamtwirtschaft zu erreichen. Zudem will man „KI- und Gründernation“ werden. Dafür soll die Verwaltung digitalisiert werden und alle Verwaltungsleistungen sollen über eine Plattform zugänglich, Rechenzentren und eine „AI-Gigafactory“ angesiedelt werden. Es soll eine europäische Satelliteninfrastruktur aufgebaut werden.

Statt des Bürgergelds soll eine verschärfte „Neue Grundsicherung“ greifen, die stärker auf Sanktionen und schnelle Arbeitsaufnahme setzt. Damit steht die Vermittlung von Arbeit wieder im Zentrum der Unterstützung für Erwerbslose.
Der Mindestlohn soll weiterhin durch eine unabhängige Kommission empfohlen werden, eine Erhöhung auf 15 € ab 2026 sei erreichbar. Bereits nach der Veröffentlichung des Vertrages bemerkte Merz aber, dass diese Forderung nicht unumstößlich sei. Auch in anderen Bereichen wie der Entwicklungshilfe möchte man kürzen. Ein ähnliches Vorgehen von Trump bringt aktuell humanitäre Missionen Weltweit in Bedrängnis.

Das Grundrecht auf Asyl soll zwar formal bestehen bleiben – doch mit dem Stopp der Aufnahmeprogramme und Einschränkungen beim Familiennachzug verschwinden viele legale Zugangswege. Der neue CDU-Kanzleramtschef Thorsten Frei kündigte zudem an, dass ab dem 6. Mai Asylsuchende gegen geltendes Recht einfach an der deutschen Grenze abgewiesen werden sollen. Ein Zugang zu dem formal noch bestehenden Grundrecht auf Asyl soll also weitgehend verhindert werden. Gleichzeitig sollen Abschiebungen forciert werden. Festgehalten wird an EU-Richtlinien, wie der verschärften GEAS-Reform und dem Fachkräfteabkommen – zukünftig wird also noch stärker zwischen „nützlicher“ und „ungewollter“ Migration unterschieden.

Wer kontrollieren will, muss auch aufrüsten – so scheint die neue Regierung zu denken.

Bereits im Vorwort des Vertrags wird ein Szenario aufgezeichnet, dass Deutschland im Inneren und Äußeren von Feinden bedroht ist. Die Antwort der neuen Regierung darauf soll eine innere Aufrüstung und ein offensiveres Nachaußentreten sein. Diskutiert wird auch eine staatliche Beteiligung an Rüstungsunternehmen – auch Autofabriken könnten künftig für die Waffenproduktion umgenutzt werden.

Auch die angekündigte Förderung von Stahl und Chemie sollte im Kontext einer Militärwirtschaft betrachtet werden. Neben der Förderung der Rüstungsproduktion soll auch der Export von Rüstungsgütern vereinfacht werden und Kontrollen nur noch stichpunkthaft durchgeführt werden.

Im Kanzleramt soll ein „Nationaler Sicherheitsrat“ aufgebaut werden. Dieser soll die Koordinierung, Planung und Organisierung der „Nationalen Sicherheitsstrategie“ übernehmen. Diese soll in diesem Zuge ausgeweitet werden. Dieses Gremium, das bislang so in Deutschland noch nicht existiert, könnte eine der mächtigsten Stellen der neuen Regierung werden.

Nach der Zeitenwende, die Olaf Scholz 2022 ausrief, soll der Koalitionsvertrag nun auch der Startschuss für eine „Zeitenwende im Inneren“ sein: Ein Ausbau der Überwachung bis an verfassungsrechtliche Grenzen ist geplant – da SPD und Union sogar die Vorratsdatenspeicherung einführen wollen, könnte diese sogar überwunden werden.

IP-Adressen aller Internetnutzer sollen damit anlasslos drei Monate gespeichert werden, Kennzeichen sollen aufgezeichnet und automatisiert ausgewertet werden, sowie die Videoüberwachung an öffentlichen Orten ausgebaut werden.
Zudem soll auch die Bundespolizei Zugriff auf die Quellen-TKÜ – den sogenannten „Staatstrojaner“ – erhalten. Erweitert wird die Liste der Überwachungsmaßnahmen durch einen massenhaften „biometrische[n] Abgleich mit öffentlich zugänglichen Internetdaten“ – also auch Bildern aus Instagram und Facebook – mittels KI, während gleichzeitig gesammelte Daten leichter zwischen den Behörden geteilt werden können.

Polizei und Geheimdienste sollen ihre Datenmengen automatisiert recherchieren und analysieren können – Hessen, NRW & Bayern nutzen hierfür schon jetzt eine datenrechtlich umstrittene Software vom US-Konzern Palantir.

Nachdem die SPD den Koalitionsvertrag nun angenommen hat, wird es nun zu einem klassischen Prozess: Am Montag soll der Koalitionsvertrag offiziell unterschrieben werden. Am Dienstag soll der neue Bundeskanzler Friedrich Merz gewählt werden. Daraufhin müssen der Bundeskanzler und die Bundesminister:innen noch vom Bundespräsidenten vereidigt werden.

Auch die SPD-Minister:innen sollen am Montag bekannt gegeben werden. Bisher ist bekannt, dass Lars Klingbeil Vizekanzler und Finanzminister werden soll. Die Union hat ihre Minister:innen und Staatssekretär:innen bereits bekannt gegeben.

Bei der CDU: Johann Wadephul (Außen), Katherina Reiche (Wirtschaft), Karin Prien (Bildung), Nina Warken (Gesundheit), Patrick Schnieder (Verkehr), Karsten Wildberger (Digitalisierung), Thorsten Frei (Kanzleramtschef). Die CSU hat Alexander Dobrindt (Innen), Dorothee Bär (Digitalisierung) und Alois Rainer (Landwirtschaft) benannt. Die SPD stellt die Minister:innen für Justiz, Arbeit und Soziales, Verteidigung, Familien, Umwelt, Entwicklung und Bau. Wenn ihr mehr über die Disskusionen über die Minister:innen erfahren wollt, hört am Freitag in die Neue Folge „Durchblick“.

Nächste Woche wird Friedrich Merz also aller Voraussicht nach Bundeskanzler sein. Wo der Koalitionsvertrag eine Light-Version des AfD-Programms ist, sind Merz‘ Nominierungen für die Ministerien ein Light-Version vom Kabinett Donald Trumps. Dieser Koalitionsvertrag ist der Startschuss für vier Jahre Kürzungen, Kontrolle und Konzernförderung. Sozialstaat und Asylrecht werden abgebaut, während Polizei, Überwachung und Militär gestärkt werden. Statt sozialen, ökologischen & friedensorientierten Lösungen setzt die Regierung auf Repression, Technologiewetten und Abschottung. Wer hier noch von Aufbruch spricht, meint vor allem den nach rechts. „Verantwortung für Deutschland“ tragen im Endeffekt wieder dieselben Menschen, die seit jeher unter dieser Politik leiden.

Schlammschlacht oder Zollkrieg?

Trumps „Liberation Day“

Die Vorboten des Zollkriegs waren die am 1. Februar angekündigten Zölle auf kanadische, mexikanische und chinesische Importe, welche aber gleich am 3. Februar wieder ausgesetzt wurden. Das gleiche Spiel am 4. März: Die US-Regierung verkündet Zölle in Höhe von 25% auf kanadische und mexikanische Einfuhren. Chinesische Importe sollen mit 20% Einfuhrgebühren belegt werden. Zwei Tage später werden auch diese wieder ausgesetzt.

Im April geht es weiter: die US-Regierung unter Trump ernennt den 2. April zum „Liberation Day“ an dem „die amerikanische Industrie wiedergeboren“ werde.

Noch am Abend des 2. April kündigte Trump dann in einer Pressekonferenz an, ab dem 5. einen Basiszollsatz in Höhe von 10% auf alle importierten Waren in die USA zu verhängen. Zusätzlich benannte er 90 Staaten, auf deren Importe zusätzliche Einfuhrgebühren verhängt werden. Darunter 25% für Autoimporte aus der EU. Noch bevor diese in Kraft treten konnten, wurden sie allerdings für 90 Tage ausgesetzt. Hiervon nicht betroffen waren die chinesischen Einfuhren; diese wurden mit 145% Zollgebühren belegt. Die chinesische Regierung reagierte mit Gegenzöllen in Höhe von 125%.

Die Ankündigungen und teilweise Verhängungen lösten in den weltweiten Regierungsgebäuden, wie auch an der Börse, starke Reaktionen aus. Der US-Börsenindex S&P 500, der die Aktien von 500 führenden börsennotierten US-Unternehmen umfasst, brach innerhalb von einem Tag um 5% ein. Und auch der deutsche DAX, der die Aktien der 40 größten deutschen Unternehmen umfasst, brach zeitweise um 10% ein. Von den US-Zöllen ist insbesondere die deutsche Autoindustrie betroffen, deren wichtigster Abnehmer die USA sind.

Der Unternehmensberatung Kearney zufolge könnten die Zölle auf Produkte der Automobilindustrie in Europa für den Verlust von bis zu 30.000 Arbeitsplätzen sorgen.

Wieso das Ganze?

Der angezettelte Zollkrieg ist kein spontaner Einfall, vielmehr könnte man ihn als eine unbeschönigte und beschleunigte Politik der USA beschreiben. Spätestens seit dem Ende der Sowjetunion 1989 und dem damit bedingten Ende der Blockkonfrontation versuchten die USA sich mit allen Mitteln als alleiniger Hegemon, der die eigenen militärischen und wirtschaftlichen Vorstellungen durchsetzt, an der Spitze zu halten. Beginnend mit dem 2. Golfkrieg gab es keinen Konflikt, keinen Krieg, der ohne die Einmischung der USA vonstatten ging – den Namen der Weltpolizei trägt sie nicht umsonst.

Diese hegemoniale Stellung wird jedoch immer weiter von China infrage gestellt. Spätestens seit der Wirtschaftskrise 2008 spekulieren immer mehr Wirtschaftswissenschaftler darüber, wann China die USA wirtschaftlich überholen könnte. Die Diskussionen liegen hier zwischen 2030 und 2035. Dies versucht die USA mit aller Macht zu verhindern. Die USA hat daher begonnen, ihren Fokus aus Europa und dem Mittleren Osten nach China zu verschieben. Einen Namen hat das ganze bereits 2012 unter Barack Obama mit „Pivot to Asia“ bekommen.

Der Nixon-Schock

Die USA ist nicht bereit, ihre Vormachtstellung zu räumen. Dennoch gerät sie in einer immer multipolarer werden Weltordnungweiter ins wanken. Auch wenn es vielleicht nicht so wirken mag, steht die USA vor dem Problem, mächtig verschuldet zu sein und vor einer immer weiter schwindenden US-Industrie. Die Ursprünge dafür lassen sich in den 70er Jahren finden.

Am 15. August 1971 erklärte der US-Präsident Richard Nixon das bisherige Weltwährungssystem für aufgehoben. Ein Tag, der als Nixen-Schock in die Geschichte einging. Von einem Tag auf den anderen galt das bisherige Bretton-Woods-System für aufgehoben. Der Grundstein für das heutige Handels- sowie Finanzsystem wurde gelegt.

Mit der Aufhebung des nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführten Währungssystems Bretton-Woods, das den US-Dollar zur führenden Währung erklärte, wurde die Goldbindung des US-Dollars aufgehoben. Mit der Aufhebung dieser Bindung, wurde die Grundlage geschaffen, dass sich Staaten bis ins Unendliche verschulden konnten. Aufgrund der Finanzstärke der USA blieb der US-Dollar dennoch die führenden Währung auf dem Weltmarkt, auch ohne ein festes Abkommen.

Die USA begannen sich massiv zu verschulden, vor allem zur Finanzierung des Vietnamkriegs. Um diese Ausgaben zu decken, gaben sie Staatsanleihen aus, die von anderen Ländern gekauft wurden. Diese Anleihen gelten als sichere Anlage, da die USA als kreditwürdig anerkannt sind. Die Käufer erhalten regelmäßige Zinszahlungen und am Ende der Laufzeit die ursprüngliche Leihgabe zurück.

Die USA als Weltmacht

Dieses System funktioniert jedoch nur so lange, wie der US-Dollar eine sichere Währung bleibt. Sinkt der Wert des Dollars, werden auch die Zinsen wertlos. Das System hat jedoch noch einen anderen Haken für die USA: abgesehen davon, dass die USA sich sehr stark verschulden, hat es dazu geführt, dass die industrielle Produktion immer weiter abgewandert ist. Durch den stärkeren Handelsverkehr importierten die USA immer mehr Waren und begannen eigene Industriestandorte abzubauen.

Trotz ihrer Stärke auf dem Finanzmarkt haben die USA mit einer Deindustrialisierung zu kämpfen. Diese versucht Donald Trump mit dem Verhängen von Zöllen rückgängig zu machen, um somit die inländische Wirtschaft wieder anzukurbeln. Auf der anderen Seite versucht Trump andere Staaten durch die Zölle zu Verhandlungen zu zwingen, um so für die US-Exporte eine Senkung der Abgaben erzielen zu können.

Verhandlungen werden jetzt augenscheinlich Fahrt aufnehmen, so reiste die italienische Regierungschefin Meloni ins Weiße Haus, um dort das Gespräch über ein mögliches Handelsabkommen zwischen der EU und der USA vorzubesprechen. Trumps Plan geht also auf. Dass er in dieser Frage als erste Meloni empfängt, sollte nun auch nicht mehr überraschen. Trump hat in der Vergangenheit bereits sehr genau seine engen Vertrauten in Europa ausfindig gemacht.

Die Welt befindet sich im Wandel und die Interessen der Staaten wie auch der Konzerne treten immer offener zutage. Der Zollkrieg ist keine reine Schlammschlacht und Trump hat auch nicht den Verstand verloren, er ist sich ziemlich bewusst, was er da tut: Verwirrung stiften, Grenzen austesten, den Einfluss seiner Entscheidungen auf Volkswirtschaften rund um die Welt unter Beweis stellen und nicht zuletzt die eigene Finanzmacht, insbesondere vor China, zu sichern.

Zwischen Isolation und Krise – Was der erste Lockdown mit uns machte

Der Lockdown brachte Deutschland zum Stillstand. Schulen, Kitas, Restaurants und Clubs wurden geschlossen. Unternehmen verlagerten ihre Arbeit ins Homeoffice – wo es möglich war. Andere schickten ihre Angestellten in Kurzarbeit. Im privaten Leben galten strenge Kontaktbeschränkungen: Maximal zwei Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich treffen, maximal fünf insgesamt in der Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der Hygieneanweisungen plötzlich allgegenwärtig wurden – Abstand halten, Masken tragen, Hände waschen.

Shutdown der Gesellschaft

Die Maßnahmen wurden damit begründet, die Infektionsketten zu unterbrechen und das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Doch es war eine drastische Entscheidung: Während einige Industriezweige weiterliefen und Konzerne weiter Profite machten, wurde das soziale Leben nahezu komplett stillgelegt. Die Regierung argumentierte mit dem „Worst-Case-Szenario“ – einem Strategiepapier des Innenministeriums zufolge sollte die Angst vor dem schlimmsten Verlauf der Pandemie die Menschen zur Einhaltung der Maßnahmen bringen.

Mit dem ersten Lockdown kamen auch rechtliche Änderungen. Die Reform des Infektionsschutzgesetzes im März 2020 gab der Regierung weitreichende Befugnisse, um Schutzmaßnahmen ohne Zustimmung des Bundestags zu verlängern. Gleichzeitig wurde die Maskenpflicht eingeführt. Anfangs war fast alles erlaubt: Selbstgenähte Stoffmasken, Schals, Halstücher – obwohl schon damals einigen klar waren dass diese Improvisiert Masken kaum halfen. Erst später setzte sich die medizinische Maske als Standard durch.

Alltag im Lockdown – ein digitales Chaos

Der Wecker klingelte. Ich stand auf, setzte mich an den Schreibtisch und klappte meinen Laptop auf. Eigentlich hätte ich jetzt Mathe, aber ob der Lehrer heute den Zoom-Call starten konnte? Unklar.

So oder so ähnlich sah ein Lockdown-Alltag für viele aus. Seit dem 13. März waren Schulen und Kitas geschlossen, Universitäten zogen kurz darauf nach. Was folgte, war ein chaotisches Experiment: Homeschooling ohne Konzept, Unterrichtsausfälle wegen technischer Probleme, überforderte Lehrkräfte und eine Spaltung zwischen denen, die zu Hause ein ruhiges Arbeitsumfeld hatten, und denen, die sich mit Geschwistern oder instabilen Internetverbindungen abmühten. Die Bildungspolitik war von der Pandemie überrumpelt worden – den Preis zahlte eine ganze Generation Schüler:innen und Studierende. Es zeigten sich die Versäumnisse der vergangen Jahrzehnte.

Besonders für Abschlussjahrgänge war diese Zeit eine Zerreißprobe. Während der Lockdown den Unterricht lahmlegte, hielten die Kultusminister an den Abiturprüfungen fest. Schülerinnen und Schüler schrieben ihre Prüfungen unter Bedingungen, die kaum fair zu nennen waren: Monatelanger Distanzunterricht, Prüfungsräume mit Maskenpflicht und Lüftungsvorschriften, Lehrer:innen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr unterrichteten. Wie gerecht kann eine Prüfung sein, wenn der Zugang zu Bildung in dieser Zeit so ungleich verteilt war?

Wer leidet am meisten?

Die Pandemie traf nicht alle gleich. Vor allem Jugendliche aus Familien in prekären Verhältnissen standen vor zusätzlichen Herausforderungen. Ohne eigene Laptops oder stabile Internetverbindungen blieb ihnen der Onlineunterricht oft verschlossen. Förderangebote, die vorher Defizite ausgleichen konnten, fielen weg. Laut einer Bertelsmann-Studie 2021 hatten Schüler:innen aus sozial schwachen Familien einen deutlich größeren Lernrückstand als ihre wohlhabenderen Mitschüler:innen.

Doch nicht nur die schulische Bildung litt. Auch die psychischen Belastungen stiegen rapide an. Eine Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf aus dem Jahr 2021 zeigte, dass depressive Symptome bei Jugendlichen während der Pandemie von 10 % auf 25 % anstiegen. Auch hier besonders betroffen: Jugendliche aus einkommensschwachen Familien. Isolation, Zukunftsängste und fehlende soziale Kontakte verstärkten die Krise.

Studierende zwischen Not und Bürokratie

Auch Studierende wurden von der Krise hart getroffen. Mit der Schließung von Unis und Bibliotheken fiel die gewohnte Struktur weg. Wer vorher in der Bibliothek lernte, saß plötzlich allein im WG-Zimmer. Seminare wurden in Zoom-Calls verlegt, Prüfungen fanden online statt – oder wurden verschoben. Für viele eine nervliche Zerreißprobe.

Hinzu kamen finanzielle Probleme. Der Nebenjob in der Gastronomie? Weg. Das Einkommen aus dem Einzelhandel? Fehlanzeige. Die Regierung reagierte mit dürftigen und eher symbolischen Überbrückungshilfen, BAföG-Anpassungen und Notfonds. Doch diese Hilfen kamen nur schleppend an. Der berüchtigte 500-Euro-Zuschuss wurde erst im Sommer 2020 eingeführt und war an hohe Hürden geknüpft – für viele fiel er weg. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigte 2021, dass 40 % der Studierenden in finanzieller Not waren, aber nur ein Bruchteil Unterstützung erhielt.

Eine Krise mit Nachbeben

Der erste Lockdown war ein Ausnahmezustand. Doch viele Entscheidungen aus dieser Zeit wirken bis heute nach. Die Bildungsschere hat sich weiter geöffnet, psychische Erkrankungen sind gestiegen, und das Vertrauen in den Staat ist bei vielen erschüttert.

War der Lockdown notwendig? Vielleicht. War er gut vorbereitet? Sicher nicht. Und die Langzeitfolgen? Die sehen wir noch immer und komplett werden sie sich auch erst noch zeigen.

Ein Streit, bei dem sich alle einig sind

„Neuordnung der Welt“, „Ende der NATO“, „Jahrhundertbruch“ – Seit der Münchener Sicherheitskonferenz und spätestens seit dem letzten Freitag und dem Streit zwischen dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj und dem neuen US-Präsidenten Trump sprühen die Schlagzeile nur so über vor geopolitischen Superlativen. Die neue US-Regierung scheint die NATO in ihrer bisher größten Krise gestürzt zu haben. Der voraussichtlich neue Bundeskanzler Merz stellt sogar infrage, ob man beim nächsten Treffen des seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert bestehenden mächtigsten Militärbündnis der Welt überhaupt noch von der NATO in ihrer jetzigen Form reden könne.

Und tatsächlich steht das Bündnis vor entscheidenden Veränderungen und Umstrukturierungen, allerdings scheinen sich dabei die vermeintlichen Streitparteien, allem Getöse und Türenschlagen, zum Trotz vor allem eines zu sein: einig.

Seit Jahren schon, nicht erst seit der ersten Amtszeit von Trump und auch nicht nur als er das erste Mal als „mächtigster Mann der Welt“ amtierte, fordern die USA die restlichen NATO-Länder auf, ihre eigenen Militärausgaben massiv zu erhöhen. Dies änderte sich auch in der Zwischenzeit, mit Joe Biden im weißen Haus nicht großartig, wurde nur vielleicht, mit weniger Geschrei und Gezeter, den europäischen „Partnern“, wie es so schön heißt, vermittelt. Und die hielten sich dran, die Militärausgaben im Rest der NATO stiegen gerade in der Amtszeit von Biden rasant an. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine war da für viele eine passende Gelegenheit, Projekte wie die „Zeitenwende“ umzusetzen, die zuvor undenkbar gewesen waren, aber dann doch erstaunlich schnell aus der Schublade gezaubert wurden.

Viel war seitdem darüber zu hören, Europa müsse „mehr tun“, gerade Deutschland müsse eine „Führungsrolle“ in Europa einnehmen und dafür aufrüsten. Eine Position, auf die Deutschland seit Jahren politisch und wirtschaftlich, aber auch militärisch schielt. Nichts anderes waren die Initiativen für eine eigene EU-Armee, der Versuch das Einstimmigkeitsprinzip bei wichtigen Fragen in der EU abzuschaffen, wie es schon die „Stiftung Sicherheit und Politik“, ein auf den BND zurückgehenden Thinktank, 2013 in einem Strategiepapier mit dem Titel „Neue Macht – Neue Verantwortung“1 fordert. Deutschland müsse zudem in eine Lage gebracht werden, „auch militärische Gewalt anzuwenden oder zumindest glaubwürdig damit drohen zu können“. Auch konkrete Schritte wie die kaum beachtete Unterstellung der gesamten niederländischen Armee unter deutsches Kommando2 waren Schritte in genau diese Richtung.

Andere Länder in Europa haben große Teile des eigenen Militärgeräts in die Ukraine verbracht, Wehrdienste wieder eingeführt, und und und. Und dennoch scheint es nicht zu reichen. Drei Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sind die Zweifel groß in Europa. In vielen Ländern gibt es offenen oder weniger offenen Widerspruch gegen den Aufrüstungs- und Konfrontationskurs, ob es Proteste gegen die wirtschaftlichen Folgen sind, oder gar der Aufstieg von Parteien verschiedener Spektren, die sich dem Narrativ von Russland als den einen alleinigen Aggressor nicht unterordnen. Viele europäische Länder haben die eigenen, oder von der NATO und den USA vorgegebenen Ziele aus dem einen oder anderen Grund nicht erreicht, vor allem aber wegen der Stimmung im eigenen Land, die ein komplettes Umschwenken auf Kriegswirtschaft, Wehrpflicht und allem, was dazu gehört, unmöglich gemacht hat.

Was kommt da besser gelegen als der große Knall, das Horror-Szenario plötzlich allein dazustehen, zwischen zwei vermeintlich Verrückten. Der große Eklat vor laufenden Kameras, sei es in München oder Washington, der Moment, wo sich Merz, Pistorius und Kieseweter endlich als die Retter in der Not darstellen können und endlich die unbequemen, Forderungen der USA nach Hunderten Milliarden Kriegsausgaben, der Einführung der Wehrpflicht und was sonst noch alles in Windeseile durchsetzen können.

Es wird zu grundlegenden Veränderungen in der NATO kommen, keine Frage. Die USA werden sich aus Europa zurückziehen, wie sie es seit der außenpolitischen Fokussierung auf Asien unter dem Titel „Pivot to Asia“ nicht durch Trump, sondern den Demokraten Obama mehr oder weniger offen seit 15 Jahren angekündigt haben.
Doch befindet sich darüber niemand in Regierungsfunktion außerhalb von Schlagzeilen tatsächlich in einem Streit. Die Regierungen Deutschlands, aber auch Frankreichs und Großbritanniens sind politisch seit langem bereit und willens, diese Rolle bewusst zu übernehmen.

In diesem Sinne ist auch die Perspektive einer Kampfpause in der Ukraine, unter welchen Bedingungen auch immer, sowohl im geopolitischen Interesse Europas als auch der USA. Die USA bekommen die Möglichkeit, sich aus Europa herauszuziehen, ohne aus dem fahrenden Auto springen zu müssen. Und Europa bekommt die Möglichkeit, sich in wenigen Jahren kriegsbereit zu machen und bis zum Ende des Jahrzehnts im rüstungspolitischen Vollrausch auf die Konfrontation mit Russland zuzurasen. Denn die ist mit einem voraussichtlich zumindest halbgaren Abkommen in der Ukraine vorprogrammiert. Nicht ohne Grund spricht Kriegsminister Pistorius seit geraumer Zeit von dem Termin 2029, bis zu dem Deutschland kriegstüchtig werden müsse.3

Auch wenn sie bald nicht mehr im Amt sein wird, beschreibt Annalena Baerbock schon klar den Weg, den Deutschland jetzt mit den letzten Entscheidungen einschlägt: Deutschland müsse „europäisch und national“ handeln und innerhalb der EU „Führung übernehmen“. Konkret bedeutet das Sondervermögen Hunderte Milliarden für Rheinmetall, Musterung, Wehrpflicht und Sozialstaatsabbau. Bis 2029 erwarten uns sicher noch ein paar weitere scheinbar unerwartete Jahrhundertbrüche, Eklats und Weckrufe.

  1. https://www.swp-berlin.org/publications/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SWP_GMF_2013.pdf ↩︎
  2. https://www.tagesspiegel.de/politik/auf-dem-weg-zur-verteidigungsunion-gesamte-truppe-der-niederlande-soll-in-die-bundeswehr-eingebunden-werden-9294005.html ↩︎
  3. https://zoes-bund.de/publikationen/gruenbuch-zmz/ ↩︎

„Wir sind bereit, so lange zu bleiben, wie nötig“

Belgrad, Serbien – Seit Anfang Dezember blockieren serbische Studierende den Zugang zu 62 von 80 Fakultäten in Belgrad, Novi Sad und anderen Orten des Landes und verwalten die Gebäude seitdem selbst. In erster Linie fordern sie, dass die Verantwortlichen für den Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad zur Rechenschaft gezogen werden. Am 1. November starben 15 Menschen, als das frisch renovierte Vordach einstürzte. Dies löste zahlreiche Protest aus, vergangenen Sonntag demonstrierten über 100.000 Menschen in der serbischen Hauptstadt.

Schon Anfang Dezember wurden Vorlesungen und sonstige Veranstaltungen an vielen Fakultäten eingestellt, wie zum Beispiel an der Fakultät für Chemie in Belgrad. Der serbische Fernsehsender Nova S berichtete , dass insgesamt 29 Fakultäten in den Städten Belgrad, Novi Sad, Nis und Kragujevac still standen, sodass weder Vorlesungen noch Prüfungen stattfinden konnten. Im Laufe des Dezembers weitete sich dieser Protest auf über 30 weitere Fakultäten aus.

Philosophische Fakultät in Belgrad

In den insgesamt 62 Unis, die im ganzen Land unter der Kontrolle der Studierenden stehen, ist der Zugang für Personen, die keine Studierenden der Fakultät sind, nahezu unmöglich, auch für Aktivist:innen. Trotzdem sind die Studierenden sehr dankbar für internationale Unterstützung und mediale Aufmerksamkeit, auch weil die meisten serbischen Medien wenig bis gar nicht über die Studierendenproteste und ihre Forderungen berichten.

Mit einer Gruppe ausländischer Aktivisten konnten wir uns am Freitag in gegenseitigem Einvernehmen erfolgreich der Besetzung an der Philosophischen Fakultät in Belgrad anschließen, wo wir einige Zeit mit den Studierenden verbrachten und das Leben in der Besetzung kennen lernten.

Der Zugang zur Fakultät war schwierig und erforderte einiges an Überzeugungsarbeit. Die Studierenden in der Besetzung sind in mehreren Arbeitsgruppen organisiert, darunter eine Sicherheitsgruppe. Diese kontrollierten vor dem Einlass, wer wir sind und ließen uns schließlich rein, da wir ebenfalls Studierende waren, wenn auch aus einem anderen Land. Uns half dabei, dass wir schon zuvor Kontakt zu einer Person innerhalb der Besetzung hatten, die mit dem Plenum gesprochen hatte, damit wir für ein paar Tage bleiben konnten.

Berichten zufolge sind andere besetzte Fakultäten noch strenger, wenn es darum geht, Außenstehende hereinzulassen.

Das Leben in der Besetzung

Als wir drinnen waren, bekamen wir einen Platz, um unsere Sachen abzulegen und begannen, die Besetzung zu erkunden. Die Studierenden, von denen viele hier schon seit Wochen leben, hießen uns herzlich willkommen und boten uns Essen und Getränke an. Obwohl sie sichtlich erschöpft waren, berichteten sie begeistert von ihren Erlebnissen, während wir ihnen von unserer langen Reise nach Belgrad erzählten.

Sie freuten sich, Interessierte aus anderen Ländern zu sehen. Die meisten von ihnen waren bereits seit drei Wochen in der Besetzung und sahen unser Interesse als Beweis für die internationalistische Solidarität unter den Studierenden. Wir verbrachten ein paar Stunden mit ihnen und diskutierten über die Politik in Serbien, die Medien, Zensur und Korruption. Sie schienen den Eindruck zu haben, dass ein Beitritt in die Europäischen Union Vorteile in Bezug auf Studentenwohnungen, Stipendien und das Leben im Allgemeinen mit sich bringen könne, aber nach einem wertvollen Erfahrungsaustausch entwickelte sich eine kritischere Sichtweise.

Es war schon deutlich nach Mitternacht, als ich verstand, wie die Besetzung für diese Student:innen zu einem Zuhause geworden war. Der Raum – einst ein Vorlesungssaal – war nun mit persönlichen Gegenständen übersät: Taschen, Jacken, Laptops, Notizbücher, die im Raum verstreut waren. Ein Student, der auch schon an anderen Protesten beteiligt gewesen war, sagte einen Satz, der mich zutiefst berührte: „Ich studiere hier schon seit drei Jahren und habe mich nie mit diesem Ort verbunden gefühlt. Aber jetzt, nach diesen Wochen, fühlt es sich endlich wie eine echte Gemeinschaft an – ein Zuhause.“

In den frühen Morgenstunden kehrte eine ruhige Atmosphäre ein. Die Studierenden bereiteten sich auf die Herausforderungen des nächsten Tages vor, während sich einige von uns im Büro eines Professors einquartierten, das zu einem provisorischen Schlafbereich geworden war. Erschöpft schliefen wir ein paar Stunden, denn wir wussten, dass ein großer Tag vor uns lag.

Vucic versucht, die Bewegung zu untergraben

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, sprach ich mit zwei weiteren Studentinnen, die von Anfang an bei der Besetzung dabei waren. Sie erklärten mir, wie die Regierung unter Präsident Aleksandar Vučić versucht, die Proteste mit populistischen Gesten zu schwächen. Er kündigte längere Winterferien und kostenlosen Nahverkehr für Studierende an, um den Anschein zu erwecken, die Regierung würde ihnen entgegenkommen.

Durch diese Methoden ließen sie sich jedoch nicht beirren. Die Studierenden durchschauten die Versuche, die Bewegung zu bändigen, und bleiben entschlossen, betonte ein Student: „Wir sind bereit, so lange zu bleiben, wie nötig – auch wenn es Monate dauert.“

Dann wurde ich den Student:innen vorgestellt, die für die Medienarbeit der Besetzung zuständig waren. Am „News Desk“, wie sie es nannten, herrschte reges Treiben. Inmitten von Notizblöcken, Laptops und Kaffeetassen koordinierten sie die Kommunikation mit verschiedenen Nachrichtenagenturen und Journalist:innen sowie die eigene Öffentlichkeitsarbeit. Es war eine faszinierend chaotische, aber sehr effektive Arbeitsatmosphäre, die wirkte wie in einer professionellen Nachrichtenredaktion.

Ein entscheidender Moment für Serbiens Jugend

Nachdem ich den Tag damit verbracht hatte, mit den an der Besetzung beteiligten Studierenden zu sprechen, war ich beeindruckt von der Entschlossenheit, die sich durch alle Teile der Besetzung zog – von der Sicherheitsgruppe bis zum Medienteam. Es ging ihnen nicht nur darum, Unigebäude zu besetzen oder die Vorlesungen zu verhindern, sondern darum, eine Bewegung aufzubauen. Diese Studierenden protestierten nicht einfach nur, sie schufen ihre eigenen Kommunikationswege und knüpften neue Verbindungen sowohl innerhalb Serbiens als auch international.

„Ich rebelliere also bin ich – und du?“

Dieses Gefühl der Zielstrebigkeit war während meiner gesamten Zeit in der Besetzung spürbar. Es war klar, dass die Student:innen nicht einfach auf ein politisches System reagieren, von dem sie sich verraten fühlen; sie arbeiten aktiv daran, die Zukunft Serbiens neu zu gestalten. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wird ihre unerschütterliche Entschlossenheit ausreichen, um die festgefahrenen Machtstrukturen, mit denen sie zu kämpfen haben, aufzubrechen?

Es geht nicht nur um Bildung

Als ich in den frühen Morgenstunden die Philosophie-Fakultät verließ, wurde mir die Tragweite dessen, wofür diese Studierenden kämpfen, erst richtig bewusst. Was als Reaktion auf ein tragisches Ereignis begann – den tödlichen Einsturz des Vordachs am Hauptbahnhof von Novi Sad – hat sich zu einer breiteren Bewegung gegen die Politik der derzeitigen Regierung entwickelt, von der sich viele Menschen, darunter auch Studierende, im Stich gelassen fühlen. Aber bei dieser Blockade geht es nicht nur um eine einzelne Tragödie, sondern um eine Konfrontation mit einem politischen System, das seit Jahren daran arbeitet, einige wenige zu begünstigen, während der Rest die Kosten tragen muss.

Die Student:innen, die ich getroffen habe, kämpfen nicht nur für ihr Recht auf eine zugänglichere Bildung oder Gerechtigkeit für die Menschen, die vor dem Bahnhof von Novi Sad ums Leben gekommen sind. Sie stellen die Entscheidungen einer Regierung in Frage, die sie als korrupt, zunehmend autoritär und ignorant gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung wahrnehmen. Mit jedem Tag, der vergeht, wird ihr Widerstand immer mehr als nur ein Protest; sie stehen ein für eine andere Zukunft – eine Zukunft, in der sich junge Serbinnen und Serben ein Leben frei von systemischer Korruption und Verwahrlosung vorstellen können.

Wer hat den längeren Atem?

Doch ob ihre Entschlossenheit zu einem echten Wandel führen kann, ist ungewiss. Die politische Landschaft Serbiens ist hart, und die Student:innen wissen, dass der Weg zum Sieg lang und unbequem ist. Die populistischen Gesten, wie kostenlose öffentliche Verkehrsmittel und verlängerte Ferien, zeigen, dass sich die Regierung der Gefahr durch die Studierenden bewusst ist. Doch sie lassen sich nicht entmutigen.

Die Frage bleibt: Wird die Regierung nachgeben, oder bleiben die etlichen Probleme im Land ein Teil der gesellschaftlichen Realität Serbiens? Wenn es diesen Studierenden gelingt, dass die Regierung sie ernst nimmt, könnte dies einen umfassenden Aufbruch in der serbischen Gesellschaft auslösen – einen Aufbruch, der eine Umgestaltung der politischen und wirtschaftlichen Systeme erfordert, die lange Zeit die Stimmen der Jugendlichen übergangen haben.

Bisher bleiben die Besetzungen bestehen, als Symbole des Trotzes und der Hoffnung. Die Studierenden haben gezeigt, dass sie bereit sind zu kämpfen – nicht nur für ihr Recht auf Bildung, sondern für eine Zukunft, die sie verdienen. Und so wie diese Bewegung wächst, ist es klar, dass nicht nur die serbischen Studierenden das Geschehen beobachten, sondern auch die Welt.

Redaktion

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